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Komödie der Irrungen | Stückbeschreibung | Presse
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Nordkurier / Kultur
Mo 08.08.2005
Dolly und der doppelte Boden von Susanne Schulz

Neubrandenburg. Er hat den „Sturm“ inszeniert, den „König Lear“ und den „Hamlet“ — Shakespeares Stoffe mit all ihrer Tiefe und ihren existenziellen Fragen auf die Bühne gebracht. Da darf es auch nicht anders sein, wenn Friedo Solter sich der „Komödie der Irrungen“, des wohl frühesten Lustspiel des britischen Bühnen-Giganten, annimmt. Schenkelklopfer-Komik ist da abgemeldet; allerdings entsteht schon mal der Eindruck, auch humorige Leichtigkeit sei dem großen alten Mann des Deutschen Theaters, dessen künstlerische Handschrift er Jahrzehnte lang mit prägte, suspekt.
Kopf und Klamotte bilden die Extreme seiner Inszenierung, die am Sonnabend im Schauspielhaus Neubrandenburg Premiere hatte.
Einiges Gewicht erhält das Motiv des Syrakuser Kaufmanns Ägeon (Klaus-Dieter Ulrich), der auf der Suche nach seinen als Kinder bei einem Schiffsunglück getrennten Zwillingssöhnen im feindlichen Ephesus landet und dem Todesurteil anheim fällt — es sei denn, er triebe 1000 Pfund auf, um sich frei zu kaufen. Suchend irrlichtert er durch den Abend; aber die Summe, die ein Leben wert sein soll, mag niemand erübrigen.
Die gewährte Gnadenfrist gibt das Zeitmaß des Dramas vor, in dem die Musik von Leopold Solter sowohl die Melodik der Sprache als auch die Rhythmik des Geschehens betont. Und noch über die allgegenwärtige Uhr platziert Ausstatterin Eva- Maria Viebeg das gleichmütig blickende Gesicht des Klonschafs Dolly — eine zu befragende Metapher für das Identitäts-Wirrwarr um die einander fremden Brüder Antipholus (David Engelmann, Ralph Sählbrandt) und ihre gleichermaßen getrennten Zwillings-Diener namens Dromio (Michael Meister, Arno Sudermann).
Dem doppelten Doppel setzt Solters Stückfassung noch eins drauf mit der (Doppel-)Rolle von Franka Anne Kahl als Äbtissin und Kurtisane.
Bis all diese Knoten entwirrt werden, gerät erst mal der richtige Diener an den falschen Herrn und jener wiederum an die Frau, von der er gar nichts weiß … und so sehen nicht nur die Verwechselten sich selbst in Frage gestellt, sondern auch all die anderen, die sich verleugnet und betrogen glauben. Bin ich denn ich selbst? Wer und was lässt es mich sein oder hindert mich daran? Mit Erwartungen zum Beispiel, denen ich mich beuge oder nicht? Oder indem der Mund ganz anderes behauptet, als die Körpersprache verrät?
Solche Fragen bedient Solter unter anderem mit Mitteln der Commedia dell’Arte, schreckt aber auch vor Slapstick nicht zurück. Was sich zunächst als Begegnung (und Kampf) nicht nur von verdoppelten Identitäten, sondern auch von Kulturen lesen lässt — europäisch, orientalisch, fernöstlich inspiriert in einer „flutlicht“-beleuchteten Arena, in der rote und blaue Kontrahenten-Ecken aufeinander zustreben -, mündet letztlich ins Deklamieren in showbühnenbunter Klamotten-Kulisse.
Der Hildegard von Bingen entliehene Männer-Exkurs, den der Regisseur der Kurtisane ins Textbuch drückt, könnte zum kabarettistischen Solo avancieren — wenn denn dieser doppelte Boden gefragt wäre. Das Versprechen hintergründiger Unterhaltung, erteilt im als Prolog hinzu gefügten Einzug der bunten Truppe, erweist sich als Konzept, den Dramen-Hintergrund der blanken Verwechslungs-Turbulenz vorzuziehen. „Die Einleitung stellt die Verbindung zwischen Schauspielern und Publikum her. Die Zuschauer werden … als Mitdenker begrüßt“, heißt es da im demonstrativ didaktisch gehaltenen Programmheft. Den Zuschauern darf wohl unterstellt werden, dass sie durchaus von selber aufs Mitdenken verfallen. Auch den Applaus spenden sie schließlich freudig aus freien Stücken.

Inszenierung: Friedo Solter  |  Ausstattung: Eva-Maria Viebeg  |  Musik: Leopold Solter  |  Dramaturgie: Alexander Preiß  |   |  mit: Beate Biermann, Jelena Fräntzel, Kristina Günther, Karin Hartmann, Franka Anne Kahl, David Engelmann, Michael Goralczyk, Klaus Herre, Michael Kleinert, Michael Meister, Ralph Sählbrandt, Arno Sudermann, Klaus-Dieter Ulrich  |  Tänzerinnen: Melanie Böttcher, Luwi Funke, Maria Schwaan, Thea Schwaan