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Aschenputtel | Stückbeschreibung | Presse
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Nordkurier / Feuilleton
Sa 21.08.2004
Scheusale, Schatten und Blut im Schuh von Susanne Schulz

„Aschenputtel“ entpuppt sich am Schauspielhaus

Die Warnung „Ruckedigu, Blut ist im Schuh“ gehört seit Generationen zu den haltbarsten Märchen-Erinnerungen. Wenn heute ein Steppke feststellt, „irgendwas mit Blut“ hätten die Täubchen angesichts verlogener Möchtegern-Prinzessinnen gegurrt, ist es höchste Zeit, das gute alte „Aschenputtel“ dem Vergessen zu entreißen. Im Schauspielhaus tun das seit gestern Beate Biermann und Andrea Schulze im von Günther Lindner inszenierten Puppenspiel, das mit einer Vielzahl spielerischer Formen und Ideen aufwartet.
Von ihrer Ewigkeits-Position im Meer der Zeiten und Geschichten treten die Erzählerinnen hinein in die Märchenhandlung, wo sie alle Hände voll zu tun haben. Das bewältigen sie im einfallsreichen Zusammenwirken von Menschen, wunderbar gearbeiteten Puppen (ein prächtiges Scheusal die Stiefmutter, tumbe Zicken die schikanösen Schwestern, sympathisch das bodenständige Königspaar) und Schatten-Szenen zwischen halbrunder Spielfläche und dem zu „bühnenreifen“ Abgängen einladenden Horizont.

Sprachliche Eindringlinge

Der Reiz der Ideen-Opulenz hat aber seine Tücken. Zugleich setzt sich immer wieder die mystisch-melancholische Ausgangsstimmung durch. In die schöne schlichte, in der knittelversigen Bearbeitung bewahrte Märchensprache drängen sich Goethe-Zitat, Eichendorff-Lyrik, mittelalterliche Leben-und-Tod-Philosophie. Tauben und Haselnussbaum, die bei Grimms dem Aschenputtel erst auf den Zauberweg zum Glück helfen, bleiben hier Erfüllungshelfer des aus eigenem Antrieb erst Sortierhilfe, dann Gold und Silber fordernden Mädels.
Ein wenig ins Hintertreffen gerät so die Fabel von der wahrhaftigen Schönheit, die sich unter Lumpen verbirgt und erkannt werden will von jenem, der sie verdient. Schließlich finden sich Prinz und Aschenputtel im verträumt-grüblerischen Lieblingslied… Doch wo die Geschichte zu schwermütig zu werden droht, greifen schön erdachte Randfiguren wie Schafherde oder Herold ein, deren Stimmungsmacher-Qualitäten von den Kindern im Publikum dankbar und begeistert aufgegriffen werden.

mit Beate Biermann | Andrea Schulze | Regie, Bühne und Puppen: Günther Lindner