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Warten auf Godot | Stückbeschreibung | Presse
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Nordkurier / Kultur
So 17.04.2016
So war die Premiere von Marcel Auermann

Um gleich am Anfang jegliche Illusion zu nehmen: Das „Warten auf Godot“ bringt auch im Landestheater Neustrelitz nichts. Natürlich kommt er wieder nicht. Diese elende Langeweile gestaltet sich aber amüsant, nachdenklich, aufrüttelnd, böse und erschreckend real.
Das Beeindruckende der Aufführung
Der Zuschauer kommt in den Saal und bemerkt sofort dieses Bühnenbild, das sich die kompletten zweieinhalb Stunden nie ändert. Es berauscht. Dabei ist es nichts Besonderes: Ein Raum, der nach hinten zuläuft und immer kleiner und enger wird, weil der Boden steil aufsteigt, während die Decke absteigt und sich beide am Ende der Flucht fast treffen. Die Steinwände voll von verschmiertem Blut. Eine beklemmende Situation.
Dennoch schaut man schon vor dem Spielbeginn immer wieder hin, kann die Augen nicht davon lassen, weil selten ein einziger Raum, vielmehr ein kalter Bunker beziehungsweise eine Ruine, die komplette Bühne füllt. Obwohl alles so überdimensioniert erscheint, wirkt alles doch so winzig und schnürt einem fast die Luft ab. Was Ausstatter Eberhard Keienburg aufstellt, darf man als genial bezeichnen.
Der aufrüttelndste Moment
Plötzlich lugt ein verängstigter, verschreckter Lucky um die Ecke. Mit einem fast drolligen, aber dann doch eher gequälten Gesichtsausdruck trippelt er in den Ziegelraum hinein, bepackt wie ein Esel. Und nichts mehr scheint er für seinen Herrn zu sein. Pozzo benutzt diesen gutmütigen Trottel als Handlanger, Leibeigenen, Fußabtreter, Punchingball, an dem er seine Wut auslassen kann. Über die Schultern einen dick gerollten Schlafsack, über den Kopf einen Stuhl, um die Hüften einen Korb mit Essen und Trinken, in der Mütze das Feuerzeug für seinen Pfeife rauchenden Herrn, in den Händen einen Koffer und um den Hals die Leine, an der ihn Pozzo durch die Lande führt. Als ob das nicht schon Erniedrigung genug wäre, muss er sich als „Du Schwein, Du!“ titulieren lassen.
Die Unmenschlichkeiten hält der Zuschauer kaum aus. Marco Bahr schafft mit seinem Pozzo einen abstoßenden, selbstherrlichen Kotzbrocken. Er nuckelt an einem Hühnerbeinchen, wirft den abgenagten Knochen in den Raum, also quasi dem niederen Volk vor die Füße, während die vor Hunger fast sterben. Er steht im weißen, sauberen Frack vor den anderen, die in schäbigen, dreckigen Uralt-Klamotten in den Tag hineinleben und kostbare Zeit mit Warten vertrödeln. Marco Bahr ist wie geschaffen für diesen Widerling.

Beste Schauspielerleistungen - Was für ein starkes Ensemble!
Regisseurin Rosmarie Vogtenhuber besetzt jede Rolle punktgenau. Michael Goralczyks Estragon besitzt eine so herrliche, unbedarfte Kindlichkeit. Thomas Pötzsch legt seinen Wladimir mit einem gehörigen Schuss Albernheit an, obwohl er im Innern verzweifelt über das Warten, das Nichts, das Hamsterrad des Lebens, das Immergleiche des Alltags. Trotzdem sticht aus dem Quartett der Hauptdarsteller einer hervor: Sven Jenkel. Sein Lucky hat nicht viel zu sagen, weil er nicht darf. Er hat zu gehorchen, zu dienen, zu Funktionieren, und sonst nichts. Was die anderen mit Sprache, mit Monologen, mit ewigem Lamentieren ausdrücken, muss Jenkel in Gestik und Mimik legen. Seine Augen: ganz klein und müde. Der Mund: Er brabbelt stumm vor sich hin. Der Körper: geduckt von den Lasten seines Herrn und wohl auch des Lebens. Mit zaghaften Schritten tapst er über die Bühne, aus Angst, er könnte etwas falsch machen und Pozzo malträtiert ihn. Nur ein Mal darf, nein: muss, er den Mund aufmachen. „Denk, Du Sau!“, blökt ihn Pozzo an. Dann legt Jenkel los. Minutenlang rattert er wissenschaftliches Fachchinesisch herunter. Der Szenenapplaus ist ihm sicher und verdient. Sven Jenkel, eher eindimensional vor etlichen Monaten gestartet, scheint inzwischen mit jeder weiteren Rolle zu wachsen. Fein nimmt er seine Charaktere auseinander und versieht sie mit vielen Details, die sie zu Unikaten machen. Bravo!

Der Aufreger des Abends
Regisseurin Rosmarie Vogtenhuber bringt einen Klassiker, von dem so viele schon gehört, ihn aber vermutlich noch nie gesehen haben, auf die Bühne und nur sehr wenige dieser Region interessieren sich dafür. Selbst zur Premiere am Wochenende füllte sich der Große Saal des Landestheaters Neustrelitz nur zu etwa 60 Prozent. Diese Version von Samuel Becketts „Warten auf Godot“ verdient mehr Anerkennung. Wer sich diese Aufführung anschaut, wird sich nicht langweilen, obwohl es um nichts anderes als um die Kunst des Zeit-Totschlagens geht.


Nordkurier / Kultur
Mi 13.04.2016
Klassiker wird neu aufgelegt von Frank Wilhelm

Der Klassiker von Samuel Beckett zeigt: machmal ist Ausharren aussichtslos. Am Wochenende feiert das Stück in Neustrelitz Premiere. Die Regisseurin hat ambitionierte Ziele.
Neustrelitz. Diese Frau steht unter Strom. Während sich „ihre“ vier Männer auf der Bühne mit „Warten auf Godot“ quälen, scheint Regisseurin Rosmarie Vogtenhuber permanent auf dem Sprung zu sein. Wie eine Dirigentin hebt sie den Arm und schwingt die Hand im Rhythmus des Textes. Plötzlich ruft sie: „Moment“. Im gleichen Augenblick schon steht die 39-Jährige auf der Bühne und fragt Schauspieler Michael Goralczyk, der den Estragon gibt, ob er nicht anders fallen könne. Goralczyk nickt. Es reichen wenige Worte und Blicke und die Darsteller und Rosmarie Vogtenhuber verstehen sich. Doch für Goralczyk, Marco Bahr, Sven Jenkel und Thomas Pötzsch steht auch fest, dass die Regisseurin die Chefin ist. Eine Chefin, der kein unstimmiges Detail entgeht, die immer wieder an
jeder Szene feilt.
Es bleibt nicht mehr viel Zeit bis Sonnabend, zur Premiere des Dramas „Warten auf Godot“ von Samuel Beckett. Es ist ein Klassiker des modernen europäischen Theaters: Die Uraufführung war 1953 in Paris, wenige Monate später gab es die deutsche Premiere in Westberlin. Es gibt auch eine bemerkenswerte Verbindung in die Region: Der erste Kinofilm des inzwischen sehr bekannten Regisseurs Andreas Dreesen war 1992 „Stilles Land“. Er spielt am Anklamer Theater in der Wendezeit. Ein frisch vom Studium in die Provinz gekommener Jung-Regisseur soll ausgerechnet „Warten auf Godot“ inszenieren, während um ihn herum
die DDR zerfällt.
DDR-Bürger warteten auch auf Godot, vergebens
Vor ihrer aktuellen Regiearbeit hat sich Rosmarie Vogtenhuber „Stilles Land“ angeschaut. Die Aussage des Beckett-Stückes habe natürlich zur Wendezeit gepasst: Auch in der DDR warteten viele Menschen jahrelang auf etwas, das sie lange Zeit nur erahnten. So wie Estragon und Wladimir, die auf Godot warten, der aber nie kommen wird. Auch wenn die beiden spüren, dass es keinen Zweck hat, weiter auf den großen Unbekannten zu setzen, kommen sie nicht weiter, drehen sich im Kreis. Das Stück führt zu allgemeinen Fragen des Menschseins: Worauf warten wir? Gibt es den großen Hoffnungsträger? Wie löst sich der Mensch aus der eigenen Passivität? Beckett spricht all diese Fragen an. Deshalb ist das Stück für Rosmarie Vogtenhuber permanent aktuell, gerade auch angesichts der Flüchtlingskrise, in der die große, humane Lösung nicht in Sicht ist.

Regie Rosmarie Vogtenhuber Dramaturgie Katrin Kramer mit Marco Bahr| Michael Goralczyk| Sven Jenkel| Thomas Pötzsch| Lisa Voß | Ausstattung: Eberhard Keienburg