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Viel Lärm um nichts | Stückbeschreibung | Presse
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Nordkurier / Kultur
Mo 15.02.2016
Von der großen Liebe und noch größeren Lächerlichkeiten von Marcel Auermann

Natürlich besteht die süße Shakespeare-Komödie „Viel Lärm um nichts“ aus nichts. In Neustrelitz bringt das Regisseur Wolfgang Bordel aber amüsant auf die Bühne.
Du meine Güte, was machten die Theaterverantwortlichen nicht für ein Gedöns im Vorfeld, weil sich einige Lieder der Beatles in die Komödie „Viel Lärm um nichts“ schleichen. Ein bisschen „Yellow Submarine“ und „Twist And Shout“ hier. Das ist schon knackig und der Zuschauer spürt, wie ihm die Beine zucken und er gerne twisten würde: mit dem rechten Fuß die Zigarettenkippe austreten und die Arme hin und her bewegen als würde man sich den Rücken mit einem Frotteehandtuch abtrocknen, wie es in den modernisierten Dialogen heißt.
Dann noch etwas „Little Help From My Friends“ und „Help“ dort. An anderer Stelle – na klar – „All You Need Is Love“. Das war der Musik-Zauber. Irgendwann nimmt man ihn kaum mehr wahr. Stimmt. Passt. Fügt sich ein. Nicht mehr.

Was hat Helene Fischer bei Shakespeare verloren?
Einen viel größeren Kracher liefert Marco Bahr als Benedikt, der sich abmüht seiner geliebten Beatrice lyrische Zeilchen zu dichten. So recht will das nicht klappen. Da zitiert er eben einen Text, den das Publikum schon nach vier, fünf Worten erkennt: „Wir zieh‘n durch die Straßen und die Clubs dieser Stadt, das ist unsre‘ Nacht, wie für uns beide gemacht.“ Genau! Helene Fischers „Atemlos“! Fehlt nur noch das „Oho, Oho“ aus dem Publikum und es wäre der Beweis erbracht, dass die Fischer mehr mitreißt als jedes noch so bekannte Lied der Beatles. So locker-flockig-geschmeidig zeigt sich das mecklenburgische Publikum dann doch nicht. Obwohl einige Damen im Saal beim Leise-vor-sich-hin-Sprechen jedenfalls äußerst textsicher daherkommen. Dazu noch Marco Bahrs Darth-Vader-röchelndes Ateeemlooohhhoooohhoooos. Das ist ein pikanter, wenn nicht sogar der einzigartige Moment der Premiere in Neustrelitz.
Die zweistündige Inszenierung flutscht nur so. Keine Längen. Keine Hänger – selbst wenn die Schauspieler Hilfe vom Souffleur benötigen, wirkt das bei diesem Drunter-und-Drüber wie absichtlich eingebaut. Im Klartext: Bei „Viel Lärm um nichts“ können Regisseure kaum etwas falsch machen. Es ist eine dankbare Komödie, die alles verzeiht. So spielte dieses Liebeslabyrinth in Bochum schon auf einem nachgebauten Golfplatz, in Mannheim in einer Gladiatorenarena und in München sah man es schon nur vor einer tristen Betonwand.
Und in Neustrelitz? Blitzlichtgewitter, roter Teppich, große Schwingtüren hinaus auf die Bühne, ausladende Treppen: Regisseur Wolfgang Bordel versetzt die Handlung mitten in die glamouröse, aber eben falsche Showbiz-Welt. Wie passend. Hie wie da Verlogenheit, Intrigen, Schein, Kostümierung, Maskerade und fiese Visagen (Sven Jenkel als ein herrlich knorriger Mönch mit Glatze, Falten und Augenringen).
Die Gemengelage präsentiert sich so zwielichtig, undurchschaubar wie die Gefühlswelt der Hauptpersonen. Michael Goralczyk ist wie gemacht für die Rolle des gutgläubigen, naiven, plappernden, liebestrunkenen Claudio, der sich in Hero (Isolde Wabra als anmutige, schöne Braut mit langem, blonden Wallehaar) verguckt. Doch Donna Juana (Karin Hartman mal als böse, berechnende Dame, mal als stimmgewaltiger Montserrat-Caballé-Verschnitt, mal als Wortwitzmaschine) hegt böse Absichten. Mit ihrem Getreuen Konrad (Peter Dulke) schmiedet sie eine Intrige, um Hero zu verleumden – ganz klassisch mit der Behauptung, die sei eine Hure.
Der Plan gelingt. Zunächst. Claudio stößt bei der Trauung die Erwählte heftig in die Arme ihres Vaters zurück. Aber – ist schon klar – später gerät der Plan ans Licht und die beiden bekommen sich doch. Wer liebt, ist eben leicht zu verunsichern und wittert Unwahrheiten, wo es keine gibt.

Regisseur Bordel entkernt das Stück
Daneben dann noch die zweiten Liebeswirren: Beatrice und Benedikt. Giulia Weis von Kopf bis Fuß im Orange-Lack-Look. Marco Bahr mit strohiger Blond-Perücke eher kein Traum, dafür aber mit Witz für 100 Männer ausgestattet. Und der zählt ja vielleicht mehr als alles andere, weshalb die beiden Ungleichen so ein schrilles, verrücktes Paar abgeben. Die heimlichen Hauptpersonen.
Alles in allem ist Shakespeares Original schon ziemlich entbeint, entkernt. Das Drama, das hinter dieser Komödie steckt, nur noch zu erahnen. Ergriffenheit gibt es keine mehr. Es regiert der Kalauer. Der Krieg, aus dem die Männer gerade kommen, wird nur zwei Mal kurz erwähnt. Das durchaus (wahn-)witzige shakespearsche Bei-Seite- oder Ins-Leere-Sprechen tilgt Bordel ganz.
Dennoch: Ein amüsanter, kurzweiliger Abend. Nicht mehr!


nachtkritik.de
Sa 13.02.2016
Dritte Ausfahrt Kalau light von Christian Rakow

Manchem erscheint ja schon Frank Castorf nach 23 Jahren Amtszeit an der Berliner Volksbühne als Fidel Castro des Theaters. Wer wäre dann Wolfgang Bordel? Der Kaiser Wilhelm (wie es das gemein&nutzlos-Diagramm XXVI nahelegt)? Könnte passen. Schon weil Bordels Reich seit nunmehr 32 Jahren das Theater Anklam bei der wilhelminischen Bäderinsel Usedom ist. In Anklam kreuzten sich Castorfs und Bordels Wege. Der unliebsame Theater-Neuerfinder musste gehen und verabschiedete sich in Richtung Berlin; der Unterhalter mit Komödienfaible machte sich breit und blieb.

Schräge Töne
Inzwischen hat Bordel im Zuge des fortschreitenden Theater-Fusionsgeschäfts im Land Mecklenburg-Vorpommern auch die Häuser Neubrandenburg und Neustrelitz als Schauspieldirektor unter seinen Fittichen. Dem wuchtigen Theatermenschen mit dem Look von Harry Rowohlt eilt ein Ruf voraus. Saftig und populär soll es bei ihm zugehen. Wohlan! Shakespeares "Viel Lärm um nichts" ist heute im Neustrelitzer Schauspielhaus am Schlossgarten angesetzt. Als Beatles-Verschnitt. "Love Me Do oder Much Ado About Nothing" steht auf den Plakaten. "Do – Ado", Tun und Lärmen. Es ist das schönste Wortspiel dieses Abends.

Guter Lärm braucht schräge Töne
Und Schrägheit hätte diese Inszenierung eigentlich in petto: einen Mönch, der lieber den Mephisto geben möchte und wie der Glöckner von Notre-Dame umherbuckelt (Sven Jenkel); einen gut gereiften Benedikt, der mit blonder Perücke ein wenig dem Berliner Steinzeit-Playboy Rolf Eden nacheifert (Marco Bahr) und sich zu allem Überfluss in die offenbar jüngste Akteurin des Ensembles vergucken soll, die ihre Beatrice als schwarz getönte Wiedergängerin der Pilzkopf-Ikone Astrid Kirchherr vorstellt (Giulia Weis). Auch sehen wir eine an sich recht erwachsen anmutende Hero (Isolde Wabra), die wie ein Jungmädchen beim Doktorspiel mit geschlossenen Augen ihre Schnute vorstreckt, wenn sie ihren Claudio (Michael Goralczyk) küsst.
Yellow Submarine Ambiente
Bordel lässt eine Kompaktversion der Komödie spielen: Das zickige Wortakrobatenpärchen Beatrice und Benedikt kabbelt und findet sich. Die tugendhafte Hero wird durch eine Intrige der Unkeuschheit geziehen und ihrem Claudio entzweit – aber alles klärt sich per Schnellgeständnis der Bösewichter auf. Den Chefintriganten Don Juan besetzt Bordel gegen Shakespeares Vorgabe als weibliche Rolle, mit der einprägsamsten Akteurin dieses Abends: Karin Hartmann, die ihrer "Donna Juana" die Präsenz einer Operndiva und einen guten Schuss Selbstironie verleiht. Der Besetzungscoup hat zwar wenig mit Bordels Programmheftthese tun, dass sich in diesem Stück eine "Männergesellschaft" disqualifiziere, aber sei's drum.
Die zweite These aus dem auskunftsfreudigen Programmheft-Interview, dass die Komödie, die ihre männlichen Helden als Kriegsheimkehrer zeigt, nutzloses komödiantisches Lärmen und Tumult gegen das andauernde Kriegswesen gestern und heute setze, hat immerhin für eine Rahmung in Prolog und Epilog durch den diabolischen Mönch getaugt. Das Hauptgeschehen bleibt von ihr praktisch unbeleckt. Es spult sich dienstfertig im angedeuteten Showbühnen-Ambiente nach Maßgaben des psychedelischen "Yellow Submarine"-Films von George Dunning ab (Ausstattung: Gesine Ullmann).

Was der Plattenspieler hergibt
So wie die Interpretationsansätze eher spärlich tröpfeln, so ist's auch mit den Zoten. Kostprobe Männersprech: "Du brauchst einen Ständer" – hö, hö, hö – sagt's und grinst und holt einen Mikrophon-Ständer. Drei Kilo mehr in dieser dissonanten Geisteslage und es hätte schon wieder einen eigenen Drive gekriegt. Doch statt Krachledernem und Krachendem gibt’s bloß Kalau light.
Und dann die Beatles. Redlich werden Evergreens abgefahren: von "Yellow Submarine" über "Sergeant Pepper" bis "Girl" oder "Michelle", was das Herz begehrt und der Plattenspieler hergibt. An keinem Punkt verschmelzen sie mit der Handlung, geschweige denn, dass sie ihr Energie zuführten.
Der beste Beatles-Lärmsong "Helter Skelter" fehlt natürlich. In einer der Anfangsszenen wird andeutungsweise ein Joint durchgezogen. Das Norwegian Wood! Und es wirkt, als kriegten alle Beteiligten hernach das Gras nicht aus den Köppen. Es quillt und chillt. Viel lau um nichts. Der Kritiker empfiehlt "Lucy In The Sky With Diamonds". Ein wenig LSD könnte der Chose aufhelfen.

egie Dr. Wolfgang Bordel  |  Ausstattung Gesine Ullmann  |  Dramaturgie Katrin Kramer| Chantal Obermair  |  mit: Marco Bahr| Michael Goralczyk| Karin Hartmann| Sven Jenkel| Michael Kleinert| Anika Kleinke| Thomas Pötzsch| Lisa Voß| Isolde Wabra | Paulina Fabian, Franziska Groth, Emely Meier | 2015: Giulia Weis