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Antigone | Stückbeschreibung | Presse
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Nordkurier
Di 27.10.2015
Starrsinn bis in den Tod von Friederike Zörner

Originelles Bühnenbild trifft auf kraftvolles Schauspiel: Antigone im Landestheater
Neustrelitz. Die Tragödie ist kein Vergnügen und doch unterhaltsam.

Der gut besuchte Saal im Landestheater Neustrelitz klatscht sich die Hände taub. Das liegt zum einen an kleinen Söhnen, Töchtern, Enkeln. Sie hatten zum Ende des Theaterstücks Antigone ihren großen Auftritt, als Kinderchor, der den Ausgang der Tragödie beklagt. Zum anderen war es eine beeindruckende Vorstellung als solche.
Zuvor war Lisa Voß in der Rolle der Antigone zu körperlicher Höchstform aufgelaufen. Genauso wie Marco Bahr als ihr Gegenpart und Onkel Kreon. Es wurde geschrien, geprügelt und gelitten. Die Worte überschlugen sich. Die Schauspieler waren in Schwarz gekleidet, trugen goldene Accessoires. Mancher Mann lief mit freiem Oberkörper herum. Der helle Kinderchor trug erleuchtendes Weiß. Es ging körperlich grob zu, als Kreon sich mit Antigone stritt oder dieselbe ihrer Schwester Ismene (Jeannine Schulte) eine klatschende Ohrfeige verpasste. Beeindruckend
auch das Klagelied von Kreons Sohn Menoikeus (Christoph Deuter), das für
Gänsehaut sorgte.
Antike Tragödie aus der Feder von Sophokles
Das Publikum fühlte mit. Am Anfang war noch etwas Unruhe in den Reihen der
Zuschauer zu spüren, doch nach und nach wurden sie in die Handlung hinein gesogen. So viel Leidenschaft und Schmerz auf der Bühne.
Die Hauptfigur Antigone ist die Tochter des Ödipus’. Sie gerät in Konflikt mit
Thebens Herrscher Kreon. Er verweigert ihr die Bestattung ihres Bruders Polyneikes. Dieser hatte die Stadt angegriffen und war bei einem Kampf mit seinem Bruder
Eteokles gefallen. Antigone beharrt mit unbedingtem Willen darauf, ihren Bruder
beizusetzen und ihn damit in die Unterwelt zu überführen. Sie lässt sich auch von ihrer besorgten Schwester Ismene nicht von dieser Entscheidung abbringen.
Kreon hält ebenso an seinen Prinzipien fest und lässt keine Widerworte
zu. Sturheit trifft auf Sturheit. Damit hat der antike Dichter Sophokles ein Sinnbild geschaffen, das auch in die heutige Zeit, in der es vielerorts an Kompromisslösungen
fehlt, passt. Als sich Antigone Kreons Machtwort widersetzt und die Leiche von Polyneikes mit Sand bestreut, wird sie aufgegriffen und Thebens Herrscher vorgeführt. Er entscheidet, sie bei lebendigem Leibe einzumauern und verhungern
zu lassen. Niemand kann ihn rechtzeitig umstimmen. Eingesperrt nimmt sich die junge Frau schließlich das Leben.
Die eineinhalbstündige Inszenierung von Regisseurin Isolde Wabra, basierend auf der Bearbeitung von Dramaturg John von Düffel, kam mit einem spartanischen, aber gleichermaßen effektvollen Bühnenbild aus. Eine große Wand aus weißen Gummibändern war bis an die Decke gespannt. Sie diente als Projektionsfläche, Vorhang und Absperrung zugleich. Hinter ihr erschienen durch geschicktes Lichtspiel
bedrohliche Silhouetten. Die Akteure sprangen durch die Gummistreifen hindurch
oder lehnten sich – hin- und hergerissen vom Geschehen – in sie hinein. Am Ende bildeten sie das Gefängnis und die Fesseln von Antigone.
Mit Schrecken die Grausamkeit vermitteln
Ergänzt wurde die Bühne durch einen Holzsteg, der in die Zuschauerränge reichte.
Hier hielt Kreon seine Ansprachen zum imaginären Volk Thebens alias den Theaterbesuchern. Zwischendrin wurde zusätzlich eine massive Metallwand von der Decke herunter gelassen. Mit einer einzigen Tür. Sie symbolisierte die Isolation von Kreon. Er hatte entschieden, Antigone für ihre Taten zu bestrafen und war nunmehr allein – von seiner Familie und seinem Volk abgeschottet. Zu ihm drangen keine Widerworte vor, kein Rat. Als Kreon seinen Fehler bemerkte, war es schon zu spät. Er verlor alles. Die weltliche Macht musste sich dem Gesetz von Menschlichkeit und Würde geschlagen geben.
Gegen Ende der Vorstellung kam es dann zu einem Schreckmoment: Von der Decke stürzte eine Antigone-Puppe mit einem Strick um den Hals und blieb über der Bühne hängen. Sie sorgte für hörbares Entsetzen unter den Zuschauern. Ein aufrüttelndes Mittel, die Grausamkeit dieser nie alt werdenden Geschichte begreifbarer zu machen.


Nordkurier
Fr 23.10.2015
Griechische Tragödie zeigt ganz aktuelle Themen von Claudia Malangré

Am Sonnabend feiert die antike griechische Tragödie „Antigone“ im Theater
Neustrelitz Premiere. Was das Besondere an dieser Inszenierung ist, verrät Regisseurin Isolde Wabra im Gespräch mit Claudia Malangré.

Was macht „Antigone“ zu einem Stück für die heutige Zeit?
Es gibt eine tolle Szene, mit Kreon und seinem Sohn. Da entgegnet der Sohn: „Kein
Bürger spricht zum König offen.“ Das ist auch heute in der Politik sehr aktuell. Außerdem habe ich nach den Urthemen gesucht, die uns mit den Menschen von vor 2500 Jahren verbinden: Schock, Krieg, Liebe, Neid, Habgier. Diese Themen zeige ich nicht nur in der Sprache, sondern auch über Körper.

Wie meinen Sie das?
Eigentlich rechnet man bei Antigone mit einem Sprachmarathon. Ich habe mich gefragt, wie fühlt sich Schmerz oder Schock im Körper an, wie fühlt es sich an, von etwas angezogen oder abgestoßen zu sein? Wie kann man das zeigen, ohne zu sprechen? Der Chor ist in dieser Inszenierung nicht nur ein Sprachkörper, sondern auch eine Masse, die diese Themen veranschaulichen soll.

Wie sieht das auf der Bühne aus?
Zentraler Bestandteil des Bühnenbildes ist eine Wand aus Gummibändern. Sie symbolisiert die Wand, die sich zwischen Kreon und Antigone aufgebaut hat, weil beide auf ihrem Standpunkt beharren. Die Menschen auf der Bühne kämpfen mit diesen Gummibändern und stemmen sich dagegen, sie sind hin- und hergerissen.

Welche Rolle spielen dabei die Kostüme?
Die Kostüme sind sehr zurückhaltend und heben den Menschen hervor. Wir haben
viel sichtbare Haut auf der Bühne, die Darsteller sind alle barfuß und die Männer
haben freie Oberkörper. Insgesamt sind 28 Kleindarsteller und zehn Schauspieler
eingebunden. Dadurch sieht man die Unterschiedlichkeit der Körper und dass auch ältere Körper schön sind. Man sieht gelebtes Leben durch die Körper.

Welche Hilfen hat der Zuschauer, um bei der Handlung den Überblick zu behalten?
Der Chor ist eine gute Hilfe. Für mich ist er der Flüsterer der Generationen, die vor
uns gelebt haben. Er teilt uns mit, worauf es eigentlich ankommt. Er bereitet die Geschichten vor und reflektiert sie. Er ist in gewisser Weise ein Spiegel für uns selbst. Das erleichtert es, die Geschichte zu verstehen, wobei die Fassung
von John von Düffel es einem auch nicht besonders schwer macht.

Warum haben Sie sich für die Version von John von Düffel entschieden?
Er zeigt, dass die Figuren vielschichtig sind. Kreon ist nicht einfach der Böse und
Antigone die Gute. Kreon hat auch eine menschliche Seite, während man sich bei Antigone fragt, ob es ihr wirklich nur um ihren Bruder geht oder ob sie sich vielleicht
in den Vordergrund spielen will.

Was ist für Sie die wichtigste Botschaft des Stückes?
Das Stück lehrt uns einerseits, Fehler einzugestehen und andererseits, nachsichtig
zu sein und Kompromisse einzugehen. Menschen haben unterschiedliche Auffassungen, weil jeder eine andere Vorgeschichte und eine andere Verantwortung hat. Wir müssen uns aufeinander zu bewegen, die Fronten dürfen sich nicht verhärten.

Wer wäre der optimale Zuschauer für „Antigone“?
Eigentlich ist es die ganze Familie, denn wir haben ja auch alle Generationen auf
der Bühne – unser jüngster Darsteller ist neun, unser ältester fast 80. Ich würde mich
freuen, wenn man hinterher generationenübergreifend ins Gespräch kommt.

Darum geht es bei „Antigone“:
Antigones Brüder sind im Kampf um Theben gefallen. Weil einer von ihnen aber gegen den neuen Herrscher Kreon gekämpft hatte, soll er unbeerdigt bleiben. Antigone will das nicht hinnehmen. Sie erhebt sich gegen die Entscheidung Kreons und soll deshalb bei lebendigem Leibe eingemauert werden. Vergebens bitten Kreons Sohn Haimon, Antigones Verlobter, und das Volk Thebens um Gnade. Kann
Teiresias, der blinde Seher, Kreon noch umstimmen?

Regie Isolde Wabra (R.) Ausstattung Alexander Martynow Dramaturgie Katrin Kramer | MIT: Christoph Deuter| Marco Bahr| Michael Goralczyk| Karin Hartmann| Michael Kleinert| Josefin Ristau| Lisa Voß | Pina Antonow, Walburga Beierfuß, Ulrike Braun, Renate Brosch, Vincent Brusdeylins, Regina Dinse, Marina Gensch, Hans Michael Hoffmann, Katrin Kramer, Lothar Missuweit, Rita Senter, Diethard Wegner, Peter Udo Gensch / Kinder der Ev. Grundschule Ntz.: Frode Bretschneider, Luis Becker, Stella Stelzhammer u.v.a. | (2015/16 Jeannine Schulte als Ismene)