REPERTOIRE   Rückschau
Der Widerspenstigen Zähmung | Stückbeschreibung | Presse
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Nordkurier / Kultur
Mo 21.02.2011
Wie Hund und Katz? von Matthias Lanin

Das Neubrandenburger Schauspielensemble hat am Sonnabend mit "Der Widerspenstigen Zähmung" einmal mehr den Charme eines alten Shakespeare-Textes eingefangen, modernisiert und spürbar werden lassen. Nachdem im vergangenen Jahr "Wie es euch gefällt" und zwei Jahre zuvor "Der Sturm" auf die Bühne zwischen den vier Toren kam, folgte nun eine weitere erfolgreiche Premiere. Auf ausverkauften Rängen bekamen die Zuschauer dabei eine Fassung von Regisseur Ekkehardt Emig zu sehen, die dem englischen Dramatiker zweifellos gefallen hätte.

Zwei Schwestern wie Hund und Katz? im Mittelpunkt der Handlung: Bianca (Isolde Wabra) und Katharina (Nancy Spiller). Die eine offensichtlich tugendhaft und handzahm, die andere eben frech und titelgebend für die Komödie. Bereits am Anfang des Stückes deutet sich jedoch unterstützt durch den "Tears for Fears"-Hit "Mad World" an, dass das Sichtbare nicht unbedingt dem Wirklichen entspricht. Katharina zeigt Mitleid mit dem genarrten Schwesterherz, dabei ist sie über Padua hinaus als Hexe bekannt. So berüchtigt, dass Gremio (Johannes Stelzhammer) verkündet, er würde sich lieber nackt im Marktplatzcenter auspeitschen lassen, als mit diesem Biest gestraft zu sein. Ein Versprechen, das vom Publikum mit anhaltendem Gelächter belohnt wird und eines von vielen Beispielen für die zeitliche und lokale Modernisierung der Komödie ist.

Das Bühnenbild, vor dem nur einer es wagt, das weibliche Biest zu zähmen, ist schlicht gehalten. Ein drehbares Treppengestell, ein übergroßer Mond im Zenit und selten flattert ein mondgroßer Schmetterling über die Szenen (Ausstattung: Hans Ellerfeld). Was diese Kulisse erlaubt, wird ausgefüllt. Bei Katharinas Zähmung wird gelaufen und gestolpert, gesprungen, gekämpft und geliebt. Auch die passenden vulgären Anspielungen sind ganz im Sinne des Erfinders. So stecken sich die Darsteller Peitschen zwischen die Schenkel, wissen viel mit Flöten anzufangen und bei welchem "Akt" sich eine Tonleiter am besten studiert.

Die Komödie, 20 Figuren von acht Akteuren gemimt, gewinnt zunehmend Fahrt. Schon beim ersten Auftritt von Tranio (Christoph Bornmüller) und Lucentio (Thomas Plötzsch) deutet sich an, zwischen dem Offensichtlichen und dem Wirklichen geizt das Ensemble nicht mit Slapstick-Einlagen. Dabei überzeugen besonders Bornmüller, Plötzsch und Ralph Sählbrandt durch physisch exakte Umsetzung der Choreographien von Sören Swart. Sählbrandt sorgt am Ende des Stückes für Gelächter durch die köstlich feminine Darstellung der alten Witwe.

Die Handlung aus Filmadaptionen (1999: "Zehn Dinge, die ich an dir hasse", 1967: "Der Widerspenstigen Zähmung") bekannt, wird im Kern getragen durch Petruchio (Michael Goralczyk), der es gegen Bezahlung mit dem garstigen Weib aufnimmt, durch die Ränkespiele der Freier und deren zumeist bitterböses Erwachen aus ihren Illusionen. Die Neubrandenburger Bühne zeigt dem Publikum zwar nicht, wie ein Mann mit seiner frechen Frau am besten umgehen sollte, doch vielleicht verrät schon ein kurzes Shakespeare-Zitat den wahren Clou: "Was Ihr nicht tut mit Lust, gedeiht Euch nicht."




Nordkurier / Kultur
Di 15.02.2011
Verstellung enthüllt das wahre Wesen von Susanne Schulz

Gleich mehrere Männer werben um die reizende Bianca - ein guter Grund für deren Vater, einer Heirat erst zuzustimmen, wenn die ältere Schwester Katharina unter der Haube ist. Denn die hat noch jeden Mann in die Flucht geschlagen. Wer wagt "Der Widerspenstigen Zähmung?" Ekkehardt Emig, Leiter der Berliner Schule für Schauspiel, inszeniert die Komödie von William Shakespeare am Schauspielhaus Neubrandenburg.
Mit dem Theatermann, der an der Theater- und Orchester GmbH Neubrandenburg /Neustrelitz schon mehrfach als Regisseur in Erscheinung trat, sprach Susanne Schulz.

Shakespeare ist eine feste Größe im hiesigen Repertoire: In den vergangenen zwei Jahren kamen "Der Sturm" unter Regie von Annett Wöhlert und "Wie es euch gefällt" in der Inszenierung von Ralf-Peter Schulze auf die Bühne. Setzen Sie Ihre Arbeit zu den vorherigen in Beziehung?
Wir wollen an die Poesie dieser Arbeiten anknüpfen. Ausgewählt haben wir die Fassung der Shakes-peare-Company, mit acht Schauspielern in 20 Rollen. Das ist reizvoll für die Akteure wie für die Zuschauer. Es gibt viel Tempo, viel Verstellung und viel Verkleidung, und beim "Umsteigen" der Schauspieler in eine andere Figur wird ihr Wesen deutlich. Alle wollen heraus aus der Falle ihrer Existenz, und der Impuls der Liebe soll sie daraus befreien.

Was macht den Charme gerade dieser Komödie aus?
Sie ermutigt dazu, im Leben ein größeres Risiko einzugehen. Wir Deutschen sind ja bekannt dafür, gerade das zu scheuen - das Theater aber steht dafür, weniger zu zaudern. Der anarchistische Impuls dieser Komödie kann einen solchen Wandel bewirken; das Stück zeigt, wie vergnüglich es sein kann, sich zu verändern.

Sie haben an der Theater und Orchester GmbH in Neustrelitz schon "Pippi Langstrumpf" auf der Freilichtbühne, "Das Dschungelbuch" im Zirkuszelt und "Die wahre Geschichte des Ah Q" im Marstall inszeniert. Diesmal arbeiten Sie im Schauspielhaus Neubrandenburg - wie finden Sie den Raum?
Wir wollen den klassischen Theaterraum ein wenig sprengen. Es gibt eine Podestbühne bis in den Zuschauerraum hinein und ein drehbares Gerüst, das ein hohes Maß an Direktheit bewirkt. Vor allem durch die Freilicht-Erfahrung habe ich gemerkt, wie öffentlich Theater sein kann, wenn die "vierte Wand" wegfällt.

Zum Ensemble gehören gleich mehrere junge Schauspieler, die - in verschiedenen Jahrgängen - Absolventen Ihrer Berliner Schule für Schauspiel sind: von Michael Goralczyk über Ekrem Ergün bis zu Nancy Spiller und Christoph Bornmüller. Wie wirkt sich das aus?
Der Blick in die Vergangenheit verschwindet. Ich arbeite nicht mehr als Lehrer mit ihnen, sondern als Regisseur, auf Augenhöhe. Der Vorteil ist die gemeinsame Sprache: Ich kann auf methodische Begriffe, die handwerkliche Basis und die Umsetzungsmöglichkeiten vertrauen. So macht die Arbeit Spaß, obwohl das Stück ein harter Brocken ist. Die Mehrfachbesetzung macht eine Spielweise nötig, in der die Rollen nicht behauptet werden, sondern ergründet. Wir wollen keine typisierten Gestalten, zu denen man bei einer solchen Komödie schnell zu greifen geneigt ist.

Michael Goralczyk, der 2004 ins Engagement nach Neustrelitz kam und auch jetzt als Freiberufler immer mal wieder hier arbeitet, spielt den Petruchio. Wie sehen Sie ihn?
An Michael sieht man, wie wichtig und lohnend es ist, in Kontakt zu bleiben. Ich erinnere mich noch an sein erstes Szenenstudium, mit einem Text von Peter Turrini. Er verkörpert meine Vorstellung, dass dieser Petruchio kein grobschlächtiger Kerl ist, sondern ein poetischer, feinfühliger Abenteurer: ein Spieler, der mit seiner Mentalität die Welt erobert, der wie ein Sonntagskind das Glück sucht. Jemand, der mit diesen seinen Qualitäten die widerspenstige Frau eigentlich nicht zähmt, sondern eher befreit. Das Publikum wird mit uns erkunden, wie die beiden womöglich ebenbürtige Partner werden.
Premiere am Sonnabend um 19.30 Uhr; weitere Vorstellungen am 25. Februar, 6. und 19. März, 8. April sowie 7. und 20. Mai im Schauspielhaus Neubrandenburg.

Regie Isolde Wabra (R.) mit Michael Goralczyk| Thomas Pötzsch| Johannes Stelzhammer | Ekrem Ergün