REPERTOIRE   Rückschau
Komödie im Dunkeln | Stückbeschreibung | Presse
preview Fotoauswahl (1-7)



Nordkurier /Kultur
Mo 14.02.2011
Choreografie vergnüglicher Kalamitäten von Susanne Schulz

Theater. Mit virtuoser Akrobatik in Körpersprache und Pointenreichtum ist in Neustrelitz Peter Shaffers "Komödie im Dunkeln" zu erleben.

Neustrelitz. Eins der beliebtesten Worte, die sich aus dem Deutschen in andere Sprachen geschlichen haben, ist Schadenfreude: das Vergnügen daran, wie jemand sich beim Versuch, Unheil abzuwenden, immer tiefer in den Schlamassel wühlt. Erst recht wenn der Zuschauer jedes angesteuerte Fettnäpfchen vorhersieht, dem der Delinquent unmöglich ausweichen kann. Auf die Spitze getrieben wird dieses Prinzip in Peter Shaffers "Komödie im Dunkeln", die Regisseur Michael Jurgons am Wochenende am Landestheater Neustrelitz zu einer bejubelten Premiere führte.
Ein Stromausfall liefert den Vorwand für die verkehrte Welt von Licht und Dunkel: Nur funzelig erlebt das Publikum jene Szenen, in denen die Protagonisten "durchsehen"; umso gründlicher erleuchtet wird ihm, wie sie im Dunkeln tappen. Akrobatische Leistungen in Höchstform vollbringt Michael Berndt da als bettelarmer Künstler Brindsley, der am Katastrophenabend erstens den Besuch eines reichen Mäzens erhofft (knuffiger Kurzauftritt von Alexander Mildner); zweitens sich beim Vater seiner Liebsten würdig einführen möchte (Dietmar Lahaine souverän als markant-knorriger Daddy, Susanne Groß hingebungsvoll als affektierte Püppi); sich drittens der überraschend auftauchenden Ex (Franka Anne Kahl als Katalysator des doppelten Spiels) erwehren muss; viertens schleunigst die "entliehene" Einrichtung seines dandyhaften Nachbarn (hemmungslos ausgereizt von Robert Bittner) zurückbringen muss, alsjener überraschend vom Wochenendausflug heimkehrt; fünftens den doch auftauchenden Elektriker (Michael Kleinert mit fulminantem Monolog) in die Bahnen seines Fachs lenken; sechstens - und noch längst nicht letztens - die durch versehentlichen Alkoholgenuss außer Kontrolle geratene Nachbarin zähmen muss ? Als jene Miss Furnival, deren altjüngferliches Naturell die exaltierte Künstlerwelt vermeintlich kontrastiert, aber ihr letztlich noch einiges draufsetzt, macht eine großartig aufspielende Karin Hartmann die "Komödie im Dunkeln" auch zu ihrem Abend.
Und die virtuose Akrobatik ist nicht nur körperlicher Natur zwischen Treppen, Türen, Möbeln und Kunstwerken, aus denen Bühnenbildner Ulrich Schreiber den komödiantischen Parcours für die von Esther Kemter stil- und typgerecht eingekleideten Akteure gestaltete, sondern überhaupt eine spielerische Leistung im Umgang mit einem auf Tempo und hintergründigen Witz angelegten Text. Optisch wie akustisch könnte da glatt immer wieder eine Pointe verpasst werden in der auf den Punkt in Szene gesetzten Choreografie der Kalamitäten.
Das Stück lebt zudem nicht nur von der Umkehrung des Sichtbaren: Dieses Prinzip erhellt zugleich aufs Feinste das Spannungsfeld zwischen dem, was zu hören, und dem, was - zumindest fürs Publikum - zu sehen ist. Zunehmende Zorngestik kommentiert da die vorgebrachten Höflichkeiten, Lästereien und ans Dunkel beförderten Geheimnisse. Da bekommt der Spaß noch eine weitere Ebene, die das Premierenpublikum mit begeistertem Beifall sowie Bravo-Rufen vor allem für Karin Hartmann und Michael Berndt zu belohnen weiß.



Nordkurier / Kultur
Mi 09.02.2011
Stromausfall erhellt die dunklen Seiten von Susanne Schulz

Neustrelitz. Manche Menschen wissen gar nicht, dass sie Schauspieler sind, glaubt Michael Jurgons. Andere bilden sich ein, sie seien es. Und dann gibt es noch jene, die ihren Lebenszweck finden in der Gabe, Charaktere in sich aufnehmen und wiedergeben zu können. "Natürlich gibt es ein schauspielerisches Handwerk und gibt es Techniken", sagt der Regisseur, "aber dass es einen glücklich macht zu spielen, das ist angeboren."
Schauspieler, die auch in einem temporeichen Lustspiel die Tiefen der Charaktere zu gestalten vermögen, braucht Jurgons für eine Inszenierung wie jetzt Peter Shaffers "Komödie im Dunkeln" - und, so seine Freude, "die habe ich hier". Als "Actionkomödie" beschreibt der Regisseur das turbulente Stück um einen jungen Bildhauer, der auf die große Karriere und die Unterstützung eines wichtigen Mäzens hofft. Doch als er den Reichtum schon mal ein wenig vortäuschen will, um seine Verlobte zu beeindrucken, stürzt ihn ein Stromausfall in der "geliehenen" Wohnung ins Chaos. "Ein tolles Fundament - bei solchen Angeboten sagt man zu", erklärt Jurgons, der unter anderem in Salzburg, Cottbus, Meiningen, Dortmund, am Deutschen Theater Berlin sowie von 1992 bis 1999 als Oberspielleiter am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin wirkte und seither freiberuflich arbeitet - so auch als Gründer der Theatermacher GmbH in Hamburg, deren Ensembles sich nur für die aktuelle Inszenierung zusammenfinden. "Wie bei einer Filmproduktion", erklärt Michael Jurgons, der durchaus Synergien zwischen dieser Arbeitsweise und der von Stadttheatern sieht. "Die Theaterlandschaft ist in Bewegung, und das muss sie auch", so seine Einschätzung. Um die "Institution Theater" jedenfalls ist ihm nicht bange, auch wenn sich Strukturen verändern: "Viele, gerade junge Schauspieler, leben bereits damit."
In Neustrelitz jedenfalls genießt der Regisseur nicht nur die Qualität des Ensembles, sondern auch die vorhandenen Produktionsmöglichen: "Wir haben Werkstätten zur Verfügung, einen Fundus und sogar eine geheizte Probebühne ?"
Und das Stück eines Autors, den er schätzt: Endgültig populär geworden. durch "Amadeus" (der ihm 1984 auch den Drehbuch-Oscar einbrachte), hatte Peter Shaffer 1965 mit der "Komödie im Dunkeln" den internationalen Durchbruch erzielt. Einem Stück, das in drastischer Komik die englische Society vorführt - aber doch als Menschen, "deren Ängste und Sehnsüchte man nachvollziehen kann", stellte Michael Jurgons fest.
Shaffer interessiere sich für die "dunkle Seite" der Menschen: "Das ist rote Faden seiner Stücke." Die übrigens "wie Partituren" geschrieben seien, aus denen das Ensemble eine Choreografie entwickle: "Erst mal müssen wir die Noten spielen können, dann kommt die kreative Herausforderung, WIE wir das tun."
Auch um Tücken der Übersetzung zu entgehen, hatte der Regisseur während der Proben den Originaltext zur Hand. Überhaupt ist es sein Prinzip, sich mehr dem Autor zu verpflichten als der Interpretation. Jedes Stück eröffne einen Kosmos von Möglichkeiten, "aber ans Koordinatensystem muss man sich schon halten, "damit es funktioniert."
Gleich nach der Premiere erwartet ihn übrigens bereits eine neue Aufgabe. Mit seiner "Theatermacher"-Compagnie nimmt er sich des Zuckmayer-Lustspiels "Der fröhliche Weinberg" an, das am 5. März in Parchim Vorpremiere haben und anschließend an vielen Theatern im deutschsprachigen Raum gastieren wird.

mit Karin Hartmann| Michael Kleinert| Alexander Mildner | Dietmar Lahaine