REPERTOIRE   Rückschau
Die Weihnachtsgans Auguste | Stückbeschreibung | Presse
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Nordkurier, Kultur und Freizeit
Mo 01.12.2008
Gänsemarsch zum Säbeltanz von Stefanie Lanin

Zwischen den Tönen klappern die Türen. Und die Töne kommen rasch. Säbelrasselnd-rasant. Nach Aram Chatschaturjan. Also rennt Auguste, stürmt und flüchtet durch die Zimmer der Familie Löwenhaupt. Vater Luitpold sieht sie schon mit Rotkraut und Knödeln auf dem Teller und Sohn Peter will das Tier in seinem Bett. Doch die müde Gans, die eben noch um Frieden bat, wird munter, flink und ungestüm. Fast vergessen ist der Satz "Lat mi in Ruh, ik wil in min Truh."
Regisseur Jens Hellwig hat bei der Premiere am Sonnabend eine agile und moderne "Weihnachtsgans Auguste" über die Puppenbühne des Neubrandenburger Schauspielhauses sausen lassen. Seine Auguste legt Wert auf Fitness und ist kulturell interessiert. Sie erobert das Herz des jüngsten Familienmitglieds mit Sport und Gesang, spielt als "Hansa Gustje" sowohl Torwart als auch Torschütze, wagt sich auf die Wippe und trällert dabei das Meisterstück von Opernsänger Luitpold mit. Der Klassiker von Friedrich Wolf ist mit Hellwig in der Gegenwart angekommen. Und er hat dabei nichts an Charme verloren und einiges an Liebenswürdigkeit gewonnen.
Dabei gleicht die Neubrandenburger Gans optisch eher dem hässlichen Entlein. Glatze mit wirrem Flaum verschandelt ihren Kopf, der unförmige Leib wird von unförmigen Flügeln mit einsam verknickten Daunen flankiert. Auch im Federkleid wirkt Auguste wie gerupft und ist damit vielleicht die missratenste Gans, die die Bühne je gesehen hat, aber gleichwohl eine der reizvollsten. Ein Tier mit Charakter, das sich ideal in die kantige Welt der Löwenhaupts einfügt, die mit grobschlächtigen Gesichtern und großen Kulleraugen im knuffig-ungeschliffenen Haus wohnen. Ausstatter Christof von Büren hat für Auguste eine bezaubernde Kulisse geschaffen, in dem die modernen Details nicht fehlen. Ein imaginärer Fahrstuhl führt mit "Ping" und "Dddsschd" in den Keller, ein Radio begleitet die anrührende Rupfszene mit Heintjes "Du musst nicht weinen".
Die Puppenspielerinnen Ute Kotte und Beate Biermann haben den Figuren individuelle Stimmen verliehen, bei Auguste gar einen Ton getroffen, der den Klang der Plattenversion nicht mehr vermissen lässt. Sie meistern brillant das Spiel zwischen Türen, Tischen und Zimmern - trotz der etwas wackeligen und klemmenden Drehbühnen. Vor ausverkauftem Saal bewiesen sie zudem, wie entzückend ein Puppenrücken sein kann und dass ein Dialog mit emotionaler Intonation auch ohne frontale Gesten auskommt. Da die sechs Figuren des Märchens von beiden nicht gleichzeitig gespielt werden können, gibt es dabei auch mal eine Mauerschau, mit der den jungen Zuschauern der Horror des vermeintlichen Schlachtens erspart wird. Nur kurz wird der Vater mit riesigem Küchenmesser präsentiert - die Kinder quittieren das bereits mit ängstlichen "Oohhs". Doch die Jagd nach Auguste findet hinter den Kulissen statt und wird von Mutter, Oma, Peter und Elli aber aufgeregt am Fenster kommentiert. So gelingt die Gratwanderung
zwischen Entsetzen und Amüsement eleganter, als es jede gezückte Klinge könnte.
Etwas bemüht wirken lediglich die permanenten Wortwitze, die bei den jungen Zuschauern nicht ankommen und die älteren nicht belustigen. Lampenfieber, das die Oma zum Leuchten bringt, die Verballhornung von "Oh Tannebaum" als "Oh Wannenschaum" und das Spiel mit dem wörtlichen und übertragenen Sinn von "Halt mal die Klappe" hätten im Stück auch fehlen dürfen. Die dennoch gelungene Inszenierung entlässt die Zuschauer mit einem wohlig weihnachtlichen Gefühl. "Man braucht doch was fürs Herz", wie die Löwenhaupts, am Ende glücklich mit Auguste vereint, formulieren.

Regie Jens Hellwig  |  MIT: Beate Biermann | Ute Kotte | Bühne: Christof von Bühren | Kostüme der Puppen: Anke Lenz und Ute Kotte