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Der Zauberer von Oz | Stückbeschreibung | Presse
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Nordkurier
Mo 05.11.2007
Hexen-Charme mit Hall und Rauch von Silke Voß

Premiere: Die populäre Geschichte um die Gesellen, die auszogen, um Mut, Geist und Herz zu finden, wurde in der Viertorestadt begeistert beklatscht.

Neubrandenburg. Die Abenteuer des Mädchens Dorothy im wundersamen Land des Zauberers von Oz haben seit jeher fasziniert: Das 1900 erschienene Kinderbuch wurde seinerzeit zur besten Kindergeschichte des Jahrhunderts gekürt, bis heute verehren es Autoren wie John Updike und Salman Rushdie. Motive wurden vielfach weiterverwendet - nicht zuletzt durchstreift der schreckliche Oz leitmotivisch Stephen Kings "Friedhof der Kuscheltiere". Der "Zauberer von Oz" wurde in über 40 Sprachen übersetzt, sogar in Hindi. Wenn nun das Schauspielhaus Neubrandenburg am Sonnabend mit großem wie kleinem Publikum zur Musical-Premiere des Stoffes rappelvoll war, lag das wohl auch an der im Osten populären Fassung Alexander Wolkows. Der Charme der Aufführung lag in einer sensiblen Balance von Vorlagentreue und nicht allzu plumpen, eher erheiternden Modernisierungen. So hatte die weichgelenkige Scheuche (Sigurd Karnetzki) mit der wiederum weisen Umgebremstheit eines Unreflektierenden und Spitzfindigkeit eines Idioten die Lacher auf seiner Seite, als er den feigen Löwen im Pausenhofjargon "Weichei, Warmduscher, Waschlappen" titulierte. Die im Osten zwangsläufig zweideutige Aufstellung der bösen Hexe des Westens als Böse Westhexe (Sünne Peters) bleibt da wohl eher eine Geschmacksfrage. Ansonsten quoll der Vogelscheuche Stroh aus Brust und Hirn, dass es eine Pracht war, sah die patschige Dorothy (Svenja Kruse) herrlich herzig wie auch altmodisch aus in ihrem roten Kragenkleidchen, war der naturgemäß ungelenke Holzfäller (Alexander Mildner) in seiner metallicbesprühten Kluft und mit Trichterhut eisern an der Vorlage ausgerichtet, füllte die Gute Nordhexe (Regine Sacher) die Bühne ihrer Rolle gemäß als strahlende Lichtgestalt und behexte mit Charme und Stimme. Einem Musical auch für junges und jüngstes Publikum entsprechend waren viel Trubel und Bewegung in viel Tanz und Musik, bei der Ähnlichkeiten mit dem sehnsüchtigen "Somewhere over the Rainbow" gewollt waren (Christian Gundlach: Komposition und Liedtexte). Kindliche Übertreibung und Slapstick sorgten für viel Turbulenz (Kirsten Hocke: Choreografie). Und zauberhaften Bühnenzauber gabs auch: Hexenspuk mit Hall und Rauch, betörend illuminierte Mohnfelder, in den oberen Bühnenrand fliegende Häuschen, und ein im Rund über dem Publikum tanzendes Lichtermeer, erzeugt von einer Discokugel (Bühne und Kostüme: Sabine Pommerening). Tja, alles nur aus der Trickkiste. Doch dass wir uns getrost dem schönen Schein bewusst hingeben dürfen, dürfte spätestens dem letzten Zuschauer bei der Entzauberung des vermeintlich großen Oz aufgegangen sein. Dass wir, um Mut, Verstand und Herz in uns selbst zu entdecken weder eines genähten Hirns, eines Blechherzens oder einer Schale Mut bedürfen, sondern manchmal nur ausgetretene Pfade auf der Reise zu uns selbst verlassen müssen, hätte zum guten Finale eigentlich keiner Erklärung durch die liebe Gute Nordhexe mehr bedurft.

Musikalische Leitung: Frank Obermair  |  Regie: Patrick Bialdyga  |  Ausstattung: Sabine Pommerening  |  Choreografie: Kirsten Hocke  |  Dramaturgie: Oliver Hohlfeld  |  Kamera und Schnitt: Tim Golla und Vincent Tirpitz  |  Mit: Sigurd Karnetzki, Susanne Ellen Kirchesch, Svenja Kruse, Hardy Lang, Alexander Mildner, Sünne Peters, Mario Thomann