REPERTOIRE   Rückschau
Der Vogelhändler | Stückbeschreibung | Presse
preview Fotoauswahl (1-4)


Nordkurier
Mo 10.07.2006
Spielwitz trotz Wolkenbruch von Peter Buske

Opulent. Trotz abgebrochener Premiere erweist sich der "Vogelhändler" im Neustrelitzer Schlossgarten als gelungenes Operetten-Vergnügen.

Neustrelitz. Buchstäblich ins Wasser gefallen ist am Wochenende die Premiere der unverwüstlichen Erfolgsoperette "Der Vogelhändler" von Carl Zeller, mit der die Freiluftsaison der Schlossgartenfestspiele in Neustrelitz festlich beginnen sollte. Knapp sechzig Minuten sind gespielt und gesungen, als die drohend herannahende Gewitterfront das Areal erreicht und sich mit Blitz, Donner und Wassermassen austobt. Schweren Herzens entschließen sich die Veranstalter schließlich zum Abbruch. Doch das bis dato Gesehene und Gehörte kann als Teil eines gelungenen Ganzen gelten.
Vor der Vorstellung wird im Weingarten "Zur Pfalz" zum kürfürstlichen Picknick geladen, garniert mit musikalischen Einlagen. Lustwandelnd kann man die podestreiche Spielfläche in Augenschein nehmen, die von stilisierten Hecken begrenzt ist. Die Waldschänke nebst Pavillon vor dem Eingang zum kurfürstlichen Jagdrevier — so die Ortsangabe zum 1. Akt — kann gelungener kaum in Szene gesetzt werden (Bühnenbild: Roy Spahn). Dass sich alsbald das weitläufige Hanggelände mit einem Aufgebot an Komparsen füllen wird, darf man erwarten.
Von den Zuschauern fast unbemerkt schummelt sich Dirigent Jens Troester vor die Musiker der Neubrandenburger Philharmonie, die in einem seitlich stehenden Spielkabuff ihres Amtes walten. Was sie mit viel Gespür für die volkstümliche Frische der Zeller'schen Melodien produzieren, wird leider durch die nach wie vor miserable Tonanlage fast zunichte gemacht. So klingt scharf, was geschmeidig und glanzvoll tönen sollte. Auch sind Musiker und die Personage vom Landestheater Neustrelitz nicht nur räumlich oft weit auseinander. Wie sich im weiteren Verlauf zeigen wird, scheinen die Verstärker auf die Sänger eingestellt zu sein, deren Textverständlichkeit enorm gut ist.
Noch sind die letzten Takte der Einleitung nicht verklungen, da bricht die kurfürstliche, von Kordula Stövesand gar prächtig kostümierte Jagdgesellschaft mit Hunden aus dem weitläufigen Gelände hervor. Regisseur Jürgen Pöckel weiß um die Wichtigkeit der großen Auftritte. In seiner optisch opulenten Inszenierung führt er sie neben einer nicht weniger glaubhaften Personenführung beispielhaft vor.
Mit den Darstellermassen weiß er vorzüglich umzugehen. Wenn Extrachor und Opernchor (Einstudierung: Gotthard Franke) den Einleitungssatz "Jekus, jekus, das ist schwer, wo nimmt man gleich Wildschwein her" anstimmen, stehen die Dorfbewohner nicht sinnlos in der Gegend herum, sondern spielen auch mit. Beim Auftritt der drallen Tiroler Vogelfänger - unter ihrem Anführer Adam (Stefan Livland mit tenoralem Schmelz) - der adretten Amazonenbrigade und des ältlichen Hofdamengeschwaders ist jeder Einzelne voll bei der Sache.
Einen kessen Schuhplattler legen Mitglieder der Deutschen Tanzkompanie Neustrelitz auf die Bühnenbretter (Choreografie: Thomas Vollmer). Die Christel von der Post (Daniela Stuckstette mit bezaubernder Soprangeschmeidigkeit) fährt im Holzgespannwagen vor. Kurzum: Es gibt viel zu sehen. Als Erzkomödianten erweisen sich Sigurd Karnetzki (Baron Weps) und Mario Thomann (Dorfschulze Schneck), denen statt Klamotte der Witz aus allen Poren zu entströmen scheint. Herrlich. Verwicklungen und Verwechslungen zwischen Vogelhändler und seiner Christel, Adelsintrigen, Hochstapeleien, Bestechung … - es ist alles da, wonach die Operettendramaturgie verlangt, um zum glücklichen Ende zu finden. Wie schade, dass es zur Premiere nicht stattfinden kann. Das Fazit: wiederkommen und das Ganze in Gänze genießen.
Premierenkarten können für eine der weiteren Vorstellungen eingelöst werden. Gespielt wird bis 6. August freitags und sonnabends um 20 Uhr, sonntags um 15 Uhr sowie optional auch am 27. Juli. Kartentel.: 03981 23930 oder 206400

MUSIKALISCHE LEITUNG: Jens Troester  |  REGIE: Jürgen Pöckel  |  AUSSTATTUNG: Roy Spahn  |  KOSTÜME: Kordula Stövesand  |  CHORLEITUNG: Gotthard Franke  |  CHOREOGRAPHIE: Thomas Vollmer  |  DRAMATURGIE: Christoph Blitt  |  SÄNGER: Gabriele Borowy (Adelaide), Sigurd Karnetzki (Baron Weps), Stefan Livland (Adam), Alec Otto (Stanislaus), Regine Sacher (Kurfürstin), Daniela Stuckstette (Briefchristel), Stefan Burmester (Scharrnagel), Hartmut Engler (Professor Süffle), Dieter Köplin (Professor Würmchen), Mario Thomann junior (Hoflakai Quendel), Mario Thomann (Dorfschulze Schneck), Sylke Kamin (Emmerenz)  |  OPERNCHOR und Extrachor  |  Deutsche Tanzkompanie  |  Statisterie | Reiterhof Zachmann