REPERTOIRE   Spielzeit 2017/2018
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Nordkurier
Sa 21.10.2017
Der Terror nach Schirach erreicht Neustrelitz von Annett Seidel

Am Landestheater ist bald Premiere von „Terror“ nach dem Gerichtsthriller von Ferdinand von Schirach. Der wurde bereits in der ganzen Welt aufgeführt.
Schuldig oder unschuldig – das ist die Frage, die Ferdinand von Schirach dem Publikum stellt. Jetzt ist das Stück auch in Neustrelitz angekommen. Der Staatsanwalt, alias Thomas Pötzsch, muss derzeit nicht nur Texte lernen, sondern zerbricht sich auch den Kopf über Schuld und Unschuld. „Ich persönlich finde, dass der Angeklagte freigesprochen werden muss“, sagte er noch bevor die intensiven Proben zu dem Stück begannen. „Zwar hat er sich dafür entschieden, sich einem Befehl zu widersetzen, also gegen das Gesetz gehandelt. Aber die Geschichte hat uns gelehrt, dass dies manchmal sehr richtig ist.“
Thomas Pötzsch ist Schauspieler am Neustrelitzer Landestheater. Er weiß, dass es sein Job ist, auch mal in Rollen zu schlüpfen, die so gar nichts mit der eigenen Person zu tun haben. Bei „Terror“ hat er damit gerechnet und nicht geglaubt, dass ihn dieses Stück seine so fest verankerte Meinung ändern lassen wird.
164 Menschenleben gegen 70.000
Sofort habe er sich auf die Seite des Piloten geschlagen, der wegen Mord angeklagt ist, weil er 164 Menschenleben gegen 70.000 eingetauscht hat. Weil er ohne Befehl als Kampfjet-Pilot eine Maschine abgeschossen hat, die in der Hand von Terroristen war, die damit drohten, das Flugzeug auf ein vollbesetztes Fußballstadion stürzen zu lassen. 164 Menschenleben gegen 70.000 ist die Frage von „Terror“.
Das Schauspiel spielt im Gerichtssaal. Es ist tatsächlich die Frage nach Schuld oder Unschuld, die an dieser Stelle geklärt werden soll. Die Verteidigung plädiert in dem Theaterstück auf Freispruch, „schließlich hat er die Menschen im Stadion gerettet“. Die Staatsanwaltschaft, in Figur von Thomas Pötzsch mit seiner festen Meinung von der Unschuld des Piloten vor den Proben, möchte ihn wegen Mordes verurteilen lassen. „Das Besondere an dem Stück ist, dass die Zuschauer der Verhandlung als Schöffen beiwohnen – sie entscheiden am Ende über den Ausgang des Theaterabends.“ Schuldig oder unschuldig? Das Publikum darf wählen und entsprechend wird das Ende gespielt.
Plötzlich versteht der Schauspieler die Juristen
Und Thomas Pötzsch? Hofft er auf unschuldig? Schließlich hatte er sich klar bekannt und sich nicht vorstellen können, dass er diese Meinung einmal ändern könnte. Hat er aber. „Ich komme gerade aus dem Wald, da habe ich Text gelernt“, sagt er. Und es sei eine Menge Text. Denn es gehe schließlich darum, die Fakten zu vermitteln. „Wo kommen wir hin, wenn niemand mehr intuitiv handelt, sondern nur streng nach dem Gesetz“, hat er sich gefragt. Im Krieg hätte es nie Deserteure gegeben. „Ich hatte das Gefühl ein wenig ziviler Ungehorsam bringt das Land weiter“, meint er.
Inzwischen habe er sich in die Juristenwelt hineingefunden und sogar vertieft. „Ich weiß, dass Gesetze unser Zusammenleben ordnen“, sagt er. Normale Bürger, das weiß auch der Schauspieler vom Landestheater, hätten oft ein negatives Blick von Juristen. Auch ihm sei dieser Beruf immer suspekt gewesen. Inzwischen wisse er, dass Gesetze richtig seien, diese nachgearbeitet werden müssen, um das Miteinander zu verbessern. „Die Idee dahinter ist toll, ich habe verstanden, worum es dem Staatsanwalt, den ich spiele, geht.“
Japan und China plädieren für schuldig
Thomas Pötzsch war in Gerichtsverhandlungen im Vorfeld der Proben, hat sich das Stück an anderen Theatern angesehen. Er bewundert inzwischen wie Juristen handeln: Sachlich, nüchtern und respektvoll. „Vielleicht hätte mich Jura als Studium auch interessiert“, sagt er nun, nachdem die Proben fortgeschritten sind. Das Stück „Terror“ habe bei ihm eine neue Welt aufgemacht.
Bei ihm steht nach einem moralischen unschuldig am Anfang, längst fest, dass er jetzt für schuldig plädieren würde. Doch er ist gespannt, wie das Publikum entscheiden wird. Nur in Japan habe die Mehrheit für schuldig gesprochen. Auch in China sei die Quote höher gewesen als in allen anderen Ländern, wo das Stück gespielt wurde. Premiere ist nun am 28. Oktober 19.30 Uhr im Neustrelitzer Landestheater.

Regie Isolde Wabra (R.) Ausstattung Alexander Martynow Dramaturgie Katrin Kramer mit Marco Bahr| Michael Goralczyk| Karin Hartmann| Anika Kleinke| Thomas Pötzsch| Dirk Schmidt | Rita Sentner/Walburga Beierfuß   |   Katrin Kramer