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KILLING ORPHEUS | Stückbeschreibung | Presse
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Nordkurier / Kultur
Mo 14.11.2016
Eine mörderische Tafel von Winfried Wagner

Einen Thriller besonderer Art hat das Neustrelitzer Theater jetzt im Programm: „Killing Orpheus“. In kaum einer anderen Theaterform kommen die Gäste den Opernsängern so nah. Das Premierenpublikum an der langen roten Festtafel zeigte sich begeistert.

NEUSTRELITZ. Wer Opernsänger hautnah erleben will, hat dazu nun in Neustrelitz Gelegenheit – in der „Opernlounge“. Nach der Uraufführung des neuen Formats mit dem Opern-Thriller „Killing Orpheus“ erhielten Regisseur Rainer Holzapfel und sein Ensemble am Samstagabend oft Szenenapplaus und zum Abschluss stehende Ovationen. „Ich wusste gar nicht, dass Oper so kurzweilig und lustig sein kann“, sagte eine Zuschauerin an der langen roten Festtafel. Die Handlung spielt direkt vor den Gläsern der etwa 70 Zuschauer auf und an der Festtafel. Mit dem neuen Musiktheaterformat will die Theater und Orchester GmbH Neubrandenburg/Neustrelitz junge Leute und Gäste anlocken, die niveauvollen Gesang und Schauspiel mögen, den Besuch einer traditionellen Oper aber scheuen. „Gute Erfahrungen hat man mit solchen Formaten bisher in Hamburg, wo es ,Opernloft‘ genannt wurde, gesammelt“, sagt Intendant Joachim Kümmritz. Den Thriller mit Klavier- und Akkordeonmusik hat der Potsdamer Holzapfel extra für Neustrelitz geschrieben. Er hat Tafelszenen und Musik unter anderem aus den Opern „Macbeth“, „Don Giovanni“ und „Die Italienerin von Algier“ verwendet und mit eigenen Texten kombiniert.
„Vielleicht ist ein Leben ohne Musik möglich. Aber es wird ein deutlich schlechteres Leben sein“, lautet Holzapfels Motto. Die Handlung ist einfach: Der Gott der Musik, Apollon, will die Oper beseitigen, weil er sie nicht leiden kann. Er lädt legendäre Figuren aus Opern der Weltgeschichte zu einem festlichen Dinner ein, das keiner überleben soll. Orpheus, der sich nach seiner Eurydike verzehrt, dient als Lockvogel.

Neuer Spielort erweist sich als echter Glücksgriff
„Wollen Sie sich das wirklich antun?“, fragt Opernsängerin Laura Scherwitzl als Apollon die Gäste zu Beginn. Am Ende der Tafel liegt eine Gestalt unter der Tischdecke – Orpheus. Beide starten ihr tödliches Dinner, das mit einer Liebesszene von Mezzosopranistin Lena Kutzner und Bariton Sebastian Naglatzki
beginnt.
Der neue Spielort, das Kulturquartier, erweist sich musikalisch als Glücksgriff. Die Stimmen füllen den Raum, die Texte sind sehr verständlich. Die ersten Toten gibt es, als in einer Opernszene von Rossini Drogen als Pulver zum Einsatz kommen. „Leiche auf neun Uhr bitte“, ruft Apollon. Danach kommt Verdi an die Reihe. „Ich koche was Scharfes, das würde sogar Mick Jagger umhauen“, tönt der Gott. Aber die Sache misslingt. Schließlich gibt sich Apollon als verkleidete Eurydike zu erkennen, die unsterblich in Orpheus verliebt ist. In beiden Rollen überzeugen Scherwitzl – die Wienerin ist neu im Neustrelitzer Ensemble – und Robert Merwald als Orpheus die Gäste. Immer wieder brandet Beifall an der mörderischen Tafel auf, auch für Mezzosopranistin Kutzner. Holzapfel ist am Ende sehr zufrieden mit der Umsetzung: „Das Publikum ist sehr gut mitgegangen.“

Musikalische Leitung Daniel Stratievsky  |  Regie Rainer Holzapfel  |  Dramaturgie Lür Jaenike  |  mit: Lena Kutzner| Robert Merwald| Sebastian Naglatzki| Andrés Felipe Orozco| Laura Scherwitzl | Luise Hansen | Musiker: Daniel Stratievsky (Klavier) und Timofey Sattarov/Alexander Danko (Akkordeon)