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Nordkurier _ Kultur und Freizeit
Mo 13.02.2017
Eine perfekte Harmonie zwischen zwei Hexen von Fabian Beyer

Ein Musical mit nur zwei Schauspielerinnen birgt immer ein Risiko. Doch bei der Premiere von „Hexen“ in Neubrandenburg wussten die Darstellerinnen vom Start weg zu überzeugen. Ein spaßiges und kluges Stück über Frauen – auch für Männer.

„Peng“, fährt es aus Anna Holde heraus. Und just in diesem Moment liegt ihr Gegenüber Grete Strumpf rücklinks auf dem Boden. Die Zeiten ändern sich, im achten Leben reicht eine falsche Bewegung für einen Hexenschuss aus. Als Wortspiel mag das im Nachhinein des Musicals „Hexen“ von Regisseur Wolfgang
Bordel etwas einfallslos klingen. Aber die Zuschauer lachen lauthals – und das völlig zu Recht – im leider nicht vollen Neubrandenburger Schauspielhaus. Es ist
einer von vielen Momenten, der bei der Premiere für großes Vergnügen sorgt.
Episodenweise erzählen Anna Golde (Josefine Ristau) und Grete Strumpf (Lisa Voß)
über ihre bisherigen Leben. Im achten wird das auch langsam Zeit, schließlich haben Hexen derer neun. Dabei läuft die Hexengeschichte eher im Hintergrund ab.
Vielmehr geht es um Frauen. Um verschiedene Frauenbilder. Um typische Charaktereigenschaften. Alles mitten aus dem Leben. Das beginnt schon in der Anfangsszene. Beide Frauen tragen das gleiche Kleid: schwarz, es endet einige Zentimeter über den Knien. Oder kurz: zwei verführerische Hexen. Natürlich ist ihnen die Situation mit dem gleichen Kleid unangenehm. Das bringen die beiden Schauspielerinnen auch genauso rüber. Statt es beim netten Smalltalk zu belassen, wie sehr es der anderen Frau steht, sucht Grete Fehler: „Du hast deines eindeutig zu hart gewaschen.“
Vom Start weg wissen die beiden Darstellerinnen des Stücks zu überzeugen. Josefine Ristau und Lisa Voß harmonieren perfekt. Viele gewitzte Dialoge meistern
sie mit wenigen Ausnahmen fehlerlos. Während Ristau oft ihre Augen kugelt, spielt Voß mit ihrem Mund – Mimik und Gestik beherrschen beide tadellos. Der Spaß, den die zwei haben, überträgt sich mühelos aufs Publikum. Die bemühten Versuche, es in die Handlung einzubeziehen, gelingen jedoch nicht. Als Voß mit dem Blick Richtung Besucher fragt, was eine Hexe an sich ist und auf deren Weiblichkeit hinaus will, antwortet ihr keiner. Auch nicht, als sie langsam die Rundungen ihrer Partnerin nachzeichnet.
Die recht einfach gehaltene Bühne nutzen Ristau und Voß komplett aus. Immer wieder spielen sie mit dem auf den Kopf gestellten Kreuz – Anspielungen auf christliche Hexenjagd und Scheiterhaufen.
Davor stehen zwei Stühle sowie ein runder Tisch. An diesen setzt sich Voß. Im kleinen Schwarzen spreizt sie ihre Beine – und zieht die Blicke in ihren Schritt. Eine Zigarette im Mund, das Bier in der einen, ein Magazin in der anderen Hand: der typische Mann nach der Arbeit. Bewusst überspitzt zeigen sie, wie es in vielen Haushalten zugeht. Denn Ristau redet minutenlang als fürsorgliche Frau auf ihren Mann ein, gibt ihm Tipps, was er im Geschäft machen soll, damit sie „wieder stolz auf ihn sein kann“.
Wie nicht anders zu erwarten, dreht Voß sich schweigend weg und trinkt das Bier. In dieser Szene erkennt sich auch Zuschauerin Ada
Steilen aus Neubrandenburg wieder. Sie ist „berauscht“ von der Vorstellung. Es hat
„viele Facetten des Lebens einer Frau“ gezeigt, auch wie zwiegespalten sie selbst über Männer denke.
Punkten können die jungen Frauen auch mit ihrem Gesang. Ob Solo oder Duett, der
musikalische Leiter Frank Obermair hat die Lieder optimal auf die Darstellerinnen
angepasst. Die Klangfarben stimmen in den Höhen und den Tiefen. Nach jeder Gesangseinlage brandet Beifall auf. Über weite Teile bewegen sich die anspruchsvollen Lieder im Kabarett-Chanson. Aber es gibt auch tiefgründige, nachdenkliche Momente:
Wenn Voß kurz vor der Abtreibung zu dem Kind in ihrem Bauch singt oder Ristau vor dem Richter steht, nachdem sie ihr Kind direkt nach der Geburt umgebracht hat.
„Toll“ und „sehr kurzweilig“ hat es Joachim Dreyer aus Neubrandenburg empfunden, der sich „nach vielen Jahren Ehe in mehreren
Szenen wiedergefunden“ hat. Seine Frau Britta betont vor allem die „gesangliche Leichtigkeit“ und „gute Mischung“.
Beide haben sich „sehr gut unterhalten“ gefühlt. So ergeht es offensichtlich vielen Zuschauern, die am Ende mit fröhlichen Gesichtern minutenlangen Applaus geben.

Kontakt zum Autor:
f.beyer@nordkurier.de


Nordkurier
Di 07.02.2017
Hexen-Musical im Schauspielhaus von Frank Wilhelm

Interview mit Darstellerinnen

Josefin Ristau und Lisa Voß sind zwei junge Schauspielerinnen. In ihrem neuen Musical „Hexen” haben sie allerdings schon ihr achtes Leben erreicht. Zeit, Bilanz zu ziehen. Mit den beiden Schauspielerinnen sprach Frank Wilhelm.
Fühlen Sie sich manchmal auch als Hexen?
Lisa Voß: Das kommt darauf an, wie man Hexen definiert, ob positiv oder negativ. In den bekannten Märchen waren die Hexen ja eher böse, beispielsweise bei „Hänsel und Gretel“ oder aber die Baba Jaga. Bei „Harry Potter“ beispielsweise gibt es aber auch sehr sympathische Hexen. Grundsätzlich glaube ich aber, dass jeder etwas Biestiges an sich hat.
Jeder? Also auch Männer?
Voß: Auf jeden Fall.
Hexen können zaubern? Würden Sie sich das auch wünschen?
Josefin Ristau: Natürlich, vor allem wenn es um das Abwaschen und Aufräumen zu Hause geht.
Voß: Nicht zu vergessen, das Text lernen. Wäre es nicht herrlich: Ein Wink mit dem Zauberstab und der Text für das neue Stück wäre im Kopf, ohne lange lernen zu müssen.
Hexen können auch auf dem Besen fliegen ...
Voß: Das muss nicht sein. Sieht doch komisch aus.
Haben Sie sich schon mal gewünscht, jemanden, den Sie gar nicht mögen, wegzuzaubern?
Ristau: Bislang noch nicht. Aber da haben Sie uns natürlich auf eine Idee gebracht.
Wie viel Hexisches bringen Sie denn auf die Bühne?
Voß: Es geht gar nicht so sehr um Hexen, sondern mehr um Frauen. Die Hexengeschichte bildet nur den Hintergrund. Ich beispielsweise bin als Hexe achtmal verbrannt worden und danach immer wieder auferstanden. Mein 30. Lebensjahr habe ich nicht einmal erreicht. Angesichts dessen wird es für eine Frau Zeit, Bilanz zu ziehen.
Ristau: Genau das ist das Thema. Die beiden Hexen beziehungsweise Frauen lassen ihr Leben – besser ihre bisherigen Leben – Revue passieren. Es geht um verschiedene Frauenbilder, um typische Charaktereigenschaften, darum, wie man es in Zukunft besser machen könnte. Ich glaube, viele Frauen im Publikum werden sich in dem Musical immer mal wieder selbst erkennen.
Voß: Ich gehe auch davon aus, dass sich viele Besucher sagen werden: „Ja, das gibt es wirklich! Das ist so“
Zwei Hexen beziehungsweise zwei selbstbewusste junge Frauen auf der Bühne. Gibt es zwischen Ihnen bei den Proben auch mal Reibungen?
Ristau: Die Probenarbeit war wunderbar. Unser musikalischer Leiter, Frank Obermair, ist sehr offen. Er hat die Lieder an unsere Stimmen angepasst. Wir konnten vieles mitgestalten. Lisa und ich haben viel Spaß miteinander gehabt. Es hat Klick gemacht.
Voß: Wir stehen das erste Mal zusammen bei einem Zwei-Frauen-Stück auf der Bühne. Ich kann absolut bestätigen, was Josefin sagt.
Ich könnte mir aber vorstellen, dass man bei den Proben nicht immer einer Meinung ist.
Voß: Natürlich. Wichtig ist, dass wir unsere künstlerischen Meinungsverschiedenheiten auf der Probe klären und nicht mit nach Hause nehmen. Arbeit und Privates sollten getrennt werden.
Ristau: Wir können uns gegenseitig die Meinung sagen, ohne dass die andere böse ist. Wir können uns vertrauen. Nichts ist schlimmer auf der Bühne, wenn einen der Partner, mit dem man zusammenspielt, ausstechen oder an die Wand spielen will. Das kommt leider immer mal wieder vor.
Warum sollten wir Sie beide unbedingt auf der Bühne in den „Hexen“ sehen?
Voß: Oh Gott, sollen wir jetzt Eigenwerbung betreiben? Das kann ich nicht.
Ristau: Das Musical, das eigentlich gar kein typisches Musical ist, bietet einen guten Mix von schnellen Aha-Erlebnissen und vielen nachdenklichen Momenten.
Voß: Das Stück wird sehr kurzweilig. Für jeden ist etwas dabei. Wir zwei hatten viel Spaß bei den Proben. Ich gehe davon aus, dass sich dieser Spaß auf das Publikum überträgt.

Hexen feiert am Freitag, 10. Februar um 19.30 Uhr, im Schauspielhaus Neubrandenburg Premiere. Weitere Vorstellungen: 17. Februar (19.30 Uhr); 5. März (16 Uhr) im Schauspielhaus; 8., 9., 11. März (jeweils um 19.30 Uhr), Theater Neustrelitz, Probenhaus.

Musikalische Leitung Frank Obermair Regie Dr. Wolfgang Bordel Ausstattung Jörg Masser Dramaturgie Katrin Kramer mit Josefin Ristau| Lisa Voß | Live-Band: Margaretha Hafner-Akazawa, Kontrabass / Frank Obermair, Klavier / Albrecht Rau, Violine