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Die Schutzbefohlenen | Stückbeschreibung | Presse

Nordkurier / Kultur
Mo 07.11.2016
Eine Bühne für die Flüchtlinge von Marcel Auermann

Regisseure, die sich an Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek wagen, bohren dicke Bretter. Das Landestheater Neustrelitz bringt „Die Schutzbefohlenen“ auf die Bühne und zeigt sich äußerst politisch.

Es ist laut, so furchtbar laut. Sie reden alle durcheinander, tröten mit ihren Flüstertüten unablässig etwas hinaus in die Welt. Doch der Zuschauer versteht es nicht. Nur eines bekommt er mit: Es handelt sich um Wehklagen, um Beschwerden, weil diese anonyme Menschenmasse alles so bitter, so traurig, so schrill sagt. Irgendwann ordnen sich die Stimmen, einer redet nach dem anderen. Und alle sagen das Gleiche: „Leben, wir leben. Hauptsache, wir leben!“
Einfach und doch schnell fängt Regisseur Eberhard Köhler den Zuschauer ein. Weil es irritierende Momente sind. Der Betrachter möchte verstehen und kapiert erst einmal gar nichts. Er ist so vor den Kopf gestoßen wie die Darsteller der Flüchtlinge. Wer darf sprechen? Wer verbietet wem den Mund? Wer hat überhaupt etwas zu melden? Nach wenigen Minuten befindet sich der Zuschauer mitten in der Handlung von Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“, das nun am Landestheater Neustrelitz zu sehen ist.
Ein Stück, in dem die Autorin ihrer Wut über Europa, das Flüchtlinge abweist, freien Lauf lässt, die Verzweiflung und die ausweglose Situation der Menschen schonungslos anspricht. Kein Wunder also, dass die fünf Flüchtlinge des Stücks in zornigen, wütenden Sätzen die Scheinheiligkeit der westlichen Gesellschaft anprangern, die sich auf humanitäre Werte beruft, sie nach Ansicht der Autorin aber nicht für alle gelten lässt. Sicherlich ist die Neustrelitzer Inszenierung mit einer Spielzeit von zwei Dreiviertel-Stunden keine leichte Kost.
Manch einer mag sie als langweilig und langatmig empfinden. Schließlich geht es ja nie um etwas anderes als Flüchtlinge, die irgendwo ankommen. Regisseur Köhler blickt von der griechischen Antike über die deutschen Flüchtlinge Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Flucht in die BRD kurz or dem Ende der DDR und wagt noch einen utopischen Blick in die Zukunft. Dazu kommen noch die vielen Sprachspiele, die wieder einen ganz anderen Sinn ergeben – manchmal brutal, manchmal schon fast witzig. Das alles ist für einen Zuschauer, der sich berieseln lassen möchte, nichts. Er könnte sich sogar quälen. Wer aber politisches,
aktuelles, engagiertes Theater erleben möchte, muss in dieses Stück. Zumal es davon zu wenig in dieser Region gibt.

Pointierter Erzähler als Stimme des Volkes
Die Darsteller geben von der ersten bis zur letzten Sekunde alles. Sie leben ihre Figuren. Lisa Voß, Isolde Wabra, Michael Goralczyk, Fabian Quast und Dirk Schmidt bilden einen stimmigen Flüchtlingschor. Dabei kämpfen sie erstaunlich real um die Freiräume, um die man sie in ihrer neuen Welt beraubte. Wenn sie am vorderen Rand der Bühne in den Schlund des weiten Meeres gezogen werden, fiebert der Betrachter mit. Der Regisseur macht aus diesem Schauspiel ein tolles Drama, das bannt. Elfriede Jelineks Stück zeigt
die Ängste und Nöte der Flüchtlinge. Das durchaus bedrückend und teils Augen öffnend, aber oft eben auch zu rührig, zu klagend, zu unkritisch, zu belehrend. Das mag manchen fast abstoßen. Für die Draufsicht derer, die große Zweifel an der Asylbewerberflut und der Wir-schaffen-das- Welle haben, ist Marco Bahr als grandioser, pointierter Erzähler zuständig. Er ist die Stimme des Volkes, der Mann vom Stammtisch, wo das Thema eben etwas zugespitzter, ohne Rücksicht auf Verluste diskutiert wird.
Bahr setzt dem Betroffenheitsgestus etwas entgegen, wenn auch nicht immer politisch korrekt: „Der Rassismus hat bei uns keinen Platz. Dann muss er halt stehen.“ Oder: „Warum hat der Ausländer einen Sitzplatz in der U-Bahn und muss ich stehen? Ah, okay, er ist früher eingestiegen als ich.“ Diese Inszenierung hält für jede Haltung etwas bereit. Das ist politisches Theater mit all seiner Wucht.

Kontakt zum Autor
m.auermann@nordkurier.de

Regie Eberhard Köhler  |  Ausstattung Dirk Steffen Göpfert  |  Dramaturgie Katrin Kramer| Chantal Obermair  |  mit: Marco Bahr| Michael Goralczyk| Fabian Quast| Dirk Schmidt| Lisa Voß| Isolde Wabra | Musik und Soundtrack zur Inszenierung: Frank Obermair | Bühnenbild-Assistenz und künstlerische Umsetzung Kostüm: Thomas Haas | Der KLEIDERKAMMER vom DRK Neustrelitz danken wir für ihre Unterstützung bei der Ausstattung der Inszenierung.