REPERTOIRE   Rückschau
Er ist wieder da | Stückbeschreibung | Presse
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Nordkurier / Kultur
Mo 19.09.2016
Eine köstlich lachhafte Person dieser Hitler von Marcel Auermann

„Er ist wieder da“ ist eine Hitler-Satire, bei der natürlich viel gelacht werden soll. Regisseurin Swentja Krumscheidt geht in der Neustrelitzer Theaterinszenierung allerdings noch weiter.
Im wahrsten Sinne des Wortes holt dieses Theaterstück Adolf Hitler aus der Versenkung. Per Hebebühne gleitet er in die Höhe. Der schwächliche, alte Mann in brauner Uniform und mit schnarrender Sprechweise gerät an den Kioskbesitzer Karl (Dirk Schmidt etwas zu mallorcaprollig mit Kroko-Cowboystiefeln). Für seine aus der Medienbranche stammenden Kunden ist sofort klar: Dieser Mann spielt seine Rolle so gut, dass er ins TV muss. Ein genialer Comedian sozusagen.
Innerhalb kürzester Zeit entsteht der Führer, der seinen Siegeszug antritt. Die Menschen jubeln ihm zu, bestaunen ihn, wollen ein Selfie mit ihm erhaschen. Er tingelt durch Talkshows. Der Boulevard feiert ihn. Auf der Filmplattform Youtube gerät er zum Klickwunder. Ein unaufhaltsamer Aufstieg. Doch, ja, „Er ist wieder da“. Seit vergangenem Wochenende auch im Landestheater Neustrelitz. 66 Jahre nach seinem Tod. Im Berliner Hochsommer 2011, aufgewacht in einer veränderten Welt. Ausgekotzt in einer Straße der Hauptstadt, in der nur Likes und die Größe der Empörung zählen. Kritische, inhaltliche Auseinandersetzungen? Ach was.
Wenige Handgriffe und die Gesellschaftskritik sitzt
Umso schöner, dass Regisseurin Swentja Krumscheidt aus der Romanvorlage von Timur Vermes vor allem die Medien- und Gesellschaftssatire kräftig herausstrich. Ziemlich klug eingefädelt ist das, indem der Ober-Nazi, dem alle folgen, das Publikum an die Hand nimmt, der Gesellschaft den Spiegel vorhält (ausgerechnet er!), das Fernsehprogramm durch den Kakao – oder in diesem Fall: durch die braune Soße – zieht. All diesen Schrott, der da am Nachmittag die Fernsehprogramme verstopft, knöpft sich der neuzeitliche Hitler vor. Die Köche Johann Lafer und Horst Lichter bekommen genauso ihr Fett weg wie die niveaulosen Frauentausch-Partnersuch-Formate oder die Gerichtsshows, in denen sich die Menschen nur ankeifen, dass einem die Ohren wehtun.
Produzentin Carmen Bellini (Isolde Wabra als karrieregeiles, herrlich hochnäsiges und arrogantes TV-Luder) bringt es auf den Punkt: „Wir sind vermariobarthet“. Es geht um all die Witzfiguren auf der Bühne, die oftmals mehr lachen als das Publikum oder die nur deshalb selbst lachen, damit die Zuschauer wissen, an welchen Stellen sie zu lachen haben. Die Aussagen von Bellini sind bitter – und doch so real.
Damit’s auch noch der Letzte kapiert, verwandelt sich Fabian Quast in Ali Wizgür, eine Bülent-Ceylan-Parodie für Arme, der einen angeblichen Schenkelklopfer nach dem anderen heraushaut. Kostprobe gefällig? Bitteschön! „Was bekommt man zu hören, wenn man einem Dönerspieß lauscht? Das Schweigen der Lämmer. Was bekommt man zu hören, wenn man sein Ohr an deutsche Schlafzimmertüren presst? Das Schweigen der Männer.“ Was witzig! Ha! Ha! Ha!
Wahre Momente zum Prusten bieten dagegen all diese Situationen, die Hitler als erbärmliche, völlig überforderte, einfach lachhafte Figur darstellen. Und davon gibt es in dieser gut zweistündigen Inszenierung einige. Wenn etwa dem Massenmörder vor lauter Schnarren, Gellen und Geifern der Mund ganz trocken wird, ihm Kioskbesitzer Karl eine Flasche Wasser hinhält und der Führer daraus nuckelt wie ein Baby an der Brust der Mutter. Oder der Nazi in einer Werbepause von Carmen Bellini einfach mit der Aussage „Kann mal einer den Hitler abpudern“ bloßgestellt wird. Oder sein Hitlergruß eher wie ein nasales „Hallöchen“ eines Schwulen mit abgeknicktem Handgelenk daherkommt. Oder er sich in der Wäscherei seiner Uniform entledigt und darunter der Schreck aller Damen zum Vorschein kommt: weißer, bereits angegrauter Feinripp. Wie unsexy!
Ein Hänfling wird zum schlimmsten Verbrecher
Martin Petschan als Adolf Hitler, das allein stellt eine Parodie dar. Dieser Hänfling, der aus dem Zuschauerraum taxiert gut und gerne wohl gerade einmal 50 Kilogramm wiegt, ein leichenblass geschminktes Gesicht hat und dadurch die Augen und seine weit abstehenden Ohren riesig wirken, verkörpert den schlimmsten Verbrecher der deutschen Geschichte. Dieser Mann, vor dem alle so Angst und Respekt hatten, wirkt einfach nur wie ein „dummer August“, wie sich Adolf Hitler in dem Stück einmal selbst bezeichnet. Ohja, er selbst ist der größte Lacher an diesem Abend, was wiederum einiges über die Leistung von Petschan sagt, die sich die 120 Minuten über kontinuierlich steigert.
Überhaupt kommt „Er ist wieder da“ als schmissige Satire auf die Bühne. Vor allem im ersten Teil überzeugt sie mit Tempo, was wohl allein schon die Pointen verursachen. Jede Szene ein Witz. Dazu noch die schnellen Kostümwechsel der einzelnen Schauspieler, von denen manche in bis zu fünf Charaktere schlüpfen.
Das verlangt viel Energie, die im zweiten Teil ins Stocken gerät. Die einzelnen Szenen werden langatmiger, die Dialoge länger, das Stakkato weniger, die Witzfeuerwerke seltener gezündet. So gerät der Monolog von Hitlers Sekretärin Fräulein Krömeier zum Glanzpunkt. Josefine Ristau ist neu im Neustrelitzer Ensemble, aber in dieser Rolle hat sie sich für etliche weitere, noch größere Rollen in der bevorstehenden Spielzeit beworben. In nachdenklichen Worten ordnet sie diesen Führer-Irrsinn kritisch und historisch ein, bringt die sechs Millionen toten Juden und ihre Oma ins Spiel, die diese furchtbare Zeit erleben musste. Plötzlich ist es mucksmäuschenstill im Zuschauerraum. „Er ist wieder da“ ist nicht nur Rambazamba und bloße Unterhaltung. Diese Satire ist irritierend und deshalb sehenswert.


Nordkurier / Kultur
Mi 14.09.2016
Ein Student spielt den wieder aufgetauchten Adolf Hitler von Frank Wilhelm

Der Roman "Er ist wieder da" war einer der größten Erfolge der vergangenen Jahre. Jetzt kommt die Satire auf die Bühne von Neustrelitz. Martin Petschan steht vor seiner bislang größten Theater-Herausforderung: Er spielt die Rolle des "Führers".
Musik erklingt zum Anfang. Gleichzeitig öffnet sich ein Rechteck auf der Bühne des Neustrelitzer Theaters. Langsam schiebt sich ein Mann hoch. Erst die braune Uniformmütze, dann die Uniformjacke und -hose. Er fällt nach vorne auf die Bühne und schaut sich um. Die Werbungen für einen Dönerimbiss und einen Kiosk fallen in den Blick. Moderne Hochhäuser sind zu sehen. Ein orangefarbener Papierkorb. Der Mann schaut verdutzt, überrascht, ernst. Er ist wieder da – nach fast sechs Jahrzehnten ist er wieder aufgetaucht in seiner Stadt, in seinem Berlin – nicht weit entfernt von seinem Führerbunker, den es 2011 freilich nicht mehr gibt.
„Er ist wieder da“ – der 2012 erschienene Debütroman des deutschen Autors Timur Vermes sorgte für viel Furore. Kein Wunder: Lässt der Erzähler doch den „Führer“ wieder auferstehen, obwohl Adolf Hitler bekanntermaßen am 30. April 1945 im Bunker Selbstmord begangen hat. Der Auferstandene gerät an Fernsehleute, die ihn prompt als überzeugenden Führer-Darsteller entdecken. Neben dem Roman gibt es eine fulminante Hörbuchfassung mit Christoph Maria Herbst. 2015 kam ein erfolgreicher Spielfilm in die Kinos. Die Theaterfassung wurde bereits an mehreren Bühnen gespielt, ab Samstag auch in Neustrelitz. Der Besondere: Mit Martin Petschan wird ein erst 27-Jähriger die Hauptrolle spielen. Ein junger Mann, der noch studiert – an der Theaterakademie Vorpommern, die zum Anklamer Theater gehört. Petschan hat gerade mit dem vierten Studienjahr begonnen, das ganz der Praxis gewidmet ist. Das heißt: Spielen, spielen, spielen in Anklam.
Seine erste Hauptrolle und schon ist er der Führer
Aber jetzt erst einmal in Neustrelitz. Obwohl die letzte Woche vor einer Premiere mit Doppel-Proben für das gesamte Ensemble Stress pur mit sich bringt, sitzt Petschan entspannt auf einer Bank vor dem Theater. Wie kommt man als 27-Jähriger zu einer Hitler-Rolle? Petschan erzählt, wie er im Mai dieses Jahres von Regisseurin Swentja Krumscheidt gefragt wurde. Sie ist Dozentin an der Schauspielschule in Zinnowitz und kennt seine Fähigkeiten. „Sie wollte einen besonderen Typ“, sagt Petschan. „Ich musste natürlich nicht lange überlegen.“ Immerhin ist es seine erste Hauptrolle. Bislang war deraus Heidelberg stammende Student unter anderem in dem Märchenstück „Die Bremer Stadtmusikanten“ zu erleben, im Zinnowitzer Openair-Spektakel „Vineta“ sowie im Musical „Linie 1“ auf der Hafenbühne in Usedom. Wer Petschan dort in diesem Sommer erlebte, dürfte verblüfft gewesen sein über seine „Schwäbisch-Kenntnisse“. In sieben verschiedenen Rollen bewies er seine Wandlungsfähigkeit, unter anderem als eine der vier deutschnationalen Wilmersdorfer Witwen.
Das sind schauspielerische Künste, die natürlich auch für die Interpretation eines der schlimmsten Verbrecher der deutschen Geschichte unabdingbar sind. Seit er wusste, dass er die Rolle spielt, versucht er, sich der historischen Persönlichkeit, aber auch verschiedenen künstlerischen Hitler-Interpretationen anzunähern. „Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier“ gehörten genauso zu seiner Lektüre wie die kommentierte Ausgabe von „Mein Kampf“. Petschan studierte Bruno Ganz, Charlie Chaplin oder Helge Schneider, aber auch etliche historische Videos über diverse Massen-Auftritte des Diktators.
Was für ein Typ war Hitler eigentlich privat?
Problematisch sei laut Petschan, dass Hitler meist nur bei öffentlichen Auftritten zu sehen ist. „Wie er sich privat gegeben und bewegt hat, ist schwer nachzuvollziehen.“ Seit Probenbeginn konzentriert er sich aber auf seine eigene Darstellung: „Ich will ja keine Kopie spielen, ich bin auf meinem eigenen Trip.“
Aufmerksam betrachtet Regisseurin Swentja Krumscheidt während der Probe den Ablauf auf der Bühne. Jetzt wird klar, was sie meint, wenn sie sagt, dass Petschan seine „Körperlichkeit“ auszeichnet. Während Hitler seine stinkende Uniform auszieht, um sie ausgerechnet beim Türken reinigen zu lassen, ist Petschan kurz in Slip und Socken auf der Bühne zu sehen. Er ist ein Schlaks, hat kein Gramm Fett zu viel, eher zu wenig zwischen den Rippen. Seine Gliedmaßen kann er scheinbar in jede Richtung strecken. Eine ungeheure Energie steckt in dem schmächtigen Körper. Energie, die Petschan auch braucht angesichts des Textvolumens, das er bewältigen muss. Sätze, die er meist im typischen Hitlerschen Stakkato ans Publikum bringt, etwa wenn er über Polen schwadroniert. Swentja Krumscheidts Erwartungen an ihren Hauptdarsteller haben sich jedenfalls erfüllt. „Er geht sehr konsequent mit der Figur um.“ Petschan kommt es insbesondere auf die Ambivalenz der Figur an. „Hitler konnte auch charmant sein.“ Allerdings sei er auch ein höchst gefährlicher Verführer gewesen.

Regie Swentja Krumscheidt  |  Ausstattung Alexander Martynow  |  Dramaturgie Katrin Kramer  |  mit: Michael Goralczyk| Sven Jenkel| Martin Petschan| Thomas Pötzsch| Fabian Quast| Josefin Ristau| Dirk Schmidt| Lisa Voß| Isolde Wabra | Martina Block