REPERTOIRE   Rückschau
Margarethe | Stückbeschreibung | Presse
preview Fotoauswahl (1-11) + Film


Nordkurier / Kultu
So 20.03.2016
Im tödlichen Strudel von Sehnsucht und Sünde von Marcel Auermann

Mit „Margarethe“ hat Direktor Wolfgang Lachnitt in vielerlei Hinsicht eine Monster-Oper geschaffen. Warum sie gerade deshalb so wunderbar als Samstagabendunterhaltung taugt.

Zeit
Vor der Vorstellung im Foyer gibt es fast nur ein Thema: Operndirektor Wolfgang Lachnitt wagt es, dem Publikum eine mehr als dreistündige Aufführung vorzusetzen. Was in anderen Häusern gang und gäbe ist, nehmen die Zuschauer in Neustrelitz überrascht, bisweilen mit Naserümpfen auf. Sicher, das klingt erst einmal nach einem Klopper. Bei „Margarethe“ kommt jedoch selbst der nicht eingefleischte Opern-Fan aus dem Staunen nicht heraus. Schon lange nicht mehr baute ein Regisseur so viele Tricks und Kniffe in ein Stück ein.

Bühne
Die Bühne zeigt sich als Verwandlungskünstlerin, als der Star neben den Darstellern. Sie gibt den Blick in einen bombastisch blau strahlenden Nachthimmel frei. Wenige Sekunden später ist sie ein schäbiger Trinksalon, ein Schlachtfeld, ein Kirchenschiff oder eine Wiese. Mephistopheles macht aus einem durchsichtigen Getränk ein schwarzes Gesöff und lässt Valentins Schwert in der Mitte brechen. Aus dem Nichts stellt der teuflische Kerl einen Wein-Springbrunnen an, an dem sich das Volk berauscht. Innerhalb weniger Sekunden verjüngt sich der alte, graue, verbitterte, gebrechliche Doktor Faust zu einem jungen Zampano samt langer Mähne.
Die Lichtwechsel, die oft wie Blitze durch die Szenerie zucken, schaffen grandiose Sinneseindrücke. Natürlich herrscht bei dieser teuflischen Oper das tödliche, warnende, böse Rot vor, obwohl gerade Mephistopheles’ Umhang und Hut in Pflaume gehalten sind. Nunja, sein diabolischer Humor und die ironischen Brechungen machen ihn manchmal zur süßen, liebevollen Pflaume. Dann aber kann er auch in Gestalt des Bischofs mächtig und Angst einflößend daherkommen. Das Ganze unterstützt der ebenfalls ganz in Rot gekleidete Opernchor, der wie eine Wand immer näher aufs Publikum zukommt.
Bühne, Maske, Requisite und Licht spielen Hand in Hand. Sie schaffen eine grandiose Stimmung. Na, geht doch! Sie können es! Obwohl der Zuschauer bei manch anderen Produktionen denkt, es könne nur auf Sparflamme inszeniert werden.

Darsteller
Regisseur Wolfgang Lachnitt hat „Margarethe“ ganz auf Mephistopheles zugeschnitten. In gewisser Weise ist das klar. Dieser Teufel gibt so unendlich viele Facetten her. Mit seinen Hörnchen, seinen spitzen Augenbrauen, dem glitzernden Lidschatten und seinem schallenden, bebenden, fürchterlichen Lachen geht Sebastian Naglatzki in dieser (seiner?) Traumrolle auf. Mit großen Gesten gibt er – meist auf einem Podest stehend – den Dompteur, den Satan, der alle nach seinen Launen dirigiert. Ganz davon abgesehen, dass er mit seinem voluminös röhrenden Bass eine der stärksten Stimmen des Ensembles besitzt.
Rebekah Rota besitzt als Margarethe sowohl stimmlich als auch körperlich eine wunderschöne Eleganz. Als sie im weißen Bademantel auf die Bühne schreitet, strahlt sie grazil und etwas arrogant über die Rampe wie einst die Dietrich. Angelo Raciti spielt den aufgebrachten, in der Midlife-Crisis steckenden Doktor Faustus schön verzweifelt. Lena Kutzner als dralle Marthe Schwertlein, die sich an Mephistopheles fast widerlich „ranschmeißt“, gerät köstlich. Diese starken Charaktere überlagern die eher undankbaren Rollen des Valentin (Robert Merwald), des Wagner (Ryszard Kalus) und des Siebel (Sangmin Jeon). Doch zusammen ergeben alle mit Unterstützung der Neubrandenburger Philharmoniker ein unschlagbares Team, das nur so auf der Bühne wirbelt und mächtig Aktion macht. Bravo!

Handlung
An den Figuren Mephistopheles und Marthe Schwertlein wird am deutlichsten, worum es in „Margarethe“ geht – um das Ankämpfen gegen die Sünden der Fleischeslust. In diesem bösen, ja tödlichen Strudel von Sehnsucht, Gier, Liebe und ewiger Jugend bewegen sich Faust und Margarethe. Von daher ist die Oper nah am Heute und Jetzt unserer stets vergnügungssüchtigen und sexhungrigen Spaßgesellschaft, hinter der sich aber viel zu oft nur Leere und Einsamkeit verbirgt.

Musikalische Leitung Jörg Pitschmann  |  Regie Wolfgang Lachnitt  |  Ausstattung Bernd Franke  |  Chorleitung Dr. Gotthard Franke  |  Dramaturgie Lür Jaenike  |  mit: Ryszard Kalus| Lena Kutzner| Robert Merwald| Sebastian Naglatzki| Andrés Felipe Orozco| Angelo Raciti| Rebekah Rota | Neubrandenburger Philharmonie | Opernchor | Extrachor | Statisterie | (2015/16 Sangmin Jeon als Siebel)