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Der Mann von La Mancha | Stückbeschreibung | Presse
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Nordkurier / Kultur
Mo 25.01.2016
Warum in der Realität leben, wenn es den Traum gibt? von Marcel Auermann

Ein Regisseur kann aus dem „Mann von La Mancha“ einen Verrückten machen. Er kann es aber auch anders darstellen, damit der Zuschauer am Ende sogar noch eine Botschaft mit nach Hause nimmt. So geschehen bei der Premiere in Neustrelitz.

Selbst die Spiegel der Wirklichkeit können Cervantes nicht aus seiner Traumwelt holen, weil die Fantasie für ihn nach und nach zur einzig wahren Realität werden.
Jörg Metzner
Selbst die Spiegel der Wirklichkeit können Cervantes nicht aus seiner Traumwelt holen, weil die Fantasie für ihn nach und nach zur einzig wahren Realität werden.

Üppige Landschaftsbilder, riesige Windmühlen, Ritterrüstungen, die im Scheinwerferlicht blitzen und glänzen, ständig wechselnde Dekorationen – all das gibt es nicht. Bestimmt war Wolfgang Lachnitt versucht, den „Mann von La Mancha“ so auf die Neustrelitzer Bühne zu bringen. Immerhin ist der Operndirektor für seine bunten, prächtigen, üppigen Ausstattungsopern und -musicals bekannt. Dieses Mal nun alles ganz reduziert, ganz karg, ganz farblos. Ein dunkles Kellerloch, im Hintergrund Zäune und ein Mega-Ventilator, mehr gibt es die gut zwei Stunden nicht zu sehen. Hier wartet Dichter Cervantes auf seine Gerichtsverhandlung. Um einer Verurteilung zu entkommen, fordern ihn seine Mitinsassen auf, sich zu verteidigen. Er steigt ins Rund mitten auf der Bühne und spielt allen die – natürlich – erstunken und erlogene Geschichte von Don Quixote vor.

Es dauert keine zehn Minuten, bis der erste bedeutungsvolle Satz fällt, der für dieses Musical steht: „Wer die Welt fürchtet, erträumt sich eine bessere“. Oder, wahlweise, etliche Minuten später: „Der Gipfel des Wahnsinns ist, das Leben so zu sehen, wie es ist und nicht so, wie es eigentlich sein sollte.“ Dieser Cervantes ist ein Hallodri, ein Tagträumer, einer, der sich – frei nach Pippi Langstrumpf – die Welt macht, widdewidde wie sie ihm gefällt. Ohne Furcht stürzt er sich ins Märchenabenteuer und reist die anderen Ganoven im Kerker mit, bis irgendwann alle von diesem Spaß an der Verwandlung, am Inszenieren, am Improvisieren angesteckt sind und eifrig mitmachen. Es ist Theater im Theater.

Sebastian Naglatzki spielt diesen Narren so herzerfrischend, so pointenreich, so idealistisch, dass aus dem anfänglichen Mitfiebern etwas ganz Anderes wird. Nämlich das Höchste, was Schauspiel eigentlich zu erzielen vermag: Der Zuschauer vergisst die Wirklichkeit, beamt sich direkt hinein in die Handlung, gerät also in die gleiche Traumwelt wie Cervantes. Um es deutlicher zu sagen: Wolfgang Lachnitt stellt ein Ensemble auf die Bühne, das Realität und Fantasie so gut mischt, dass das Publikum teilweise nicht weiß, ob es nun Wahrheit oder Fiktion sieht. Doch es kommt der Punkt, und das sehr schnell, an dem es Wurscht ist. Der Zuschauer lässt sich schnell auf die Figuren ein, weil die Darsteller so präzise in ihren Rollen aufgehen.

Eisige Blicke lassen den Zierker See gefrieren

Andrés Felipe Orozco als Sancho Pansa stellt einen Gewinn dar. Er ist so herrlich trottelig, tüttelig, weltfremd. Grandios, wie er auf einem Holzbock Platz nimmt und hoppelt und es für ihn, keine Frage, ein Pferd ist, auf dem er gerade sitzt. Lena Kutzner gibt die Aldonza so kernig, kräftig, grobschlächtig, knackig und drall wie eine Hure nur sein kann. Dazu noch die voluminöse Stimme. Holla, die Waldfee. Christian Arnolds Herzog möchte man nicht unter die Augen geraten. Dieser zickige, genervte Blick lässt den Zierker See zufrieren. Brrrr, fröstel. Obwohl Angelo Raciti etwa schon in „La Traviata“ zu sehen war, spielt er sich beim „Mann von la Mancha“ als Padre auf angenehme Art in den Vordergrund, seine Stimme - ein Ohrvergnügen. Ihm sind noch größere Rollen zu gönnen.

Das Gespür für den feinen Humor

Dieses Musical besitzt Witz. Aber er ist fein und sehr dosiert gesetzt. Sebastian Naglatzki kommt die schwere Aufgabe zu, als Cervantes nicht albern zu wirken. Denn sein Don Quixote meint es ernst. So flatterhaft und gesponnen seine Vorstellungen sein mögen, aber er steht hinter allem, was er sagt, erfindet, den anderen vorspielt, weil es ja eigentlich doch vielmehr sein Leben als sein Traum ist. Naglatzki verkörpert deshalb keinen Clown, keine abgehalfterte Knalltüte, sondern einen Cervantes, der bis zuletzt mit Hingabe und Pathos für ein besseres Leben kämpft, unterstützt von bekannten, tragischen wie fülligen Melodien („Dulcinea“, „Der unmögliche Traum“, „Ritter von der traurigen Gestalt“) der Neubrandenburger Philharmoniker. Selbst als er vor den Spiegeln der Wirklichkeit völlig am Boden zerstört daliegt, bleibt er immer wieder und wieder dabei: „Ich bin Don Quixote, fahrender Ritter von La Mancha und meine edle Dame ist die Prinzessin Dulcinea.“

Dieses Musical zeigt, dass vielen etwas mehr Idealismus gut täte, viele mehr Gutes und Schönes sehen sollten anstatt alles nur Schwarz zu malen. Der „Mann von La Mancha“ macht Mut, er fordert alle im Saal auf, Fünfe auch mal gerade sein zu lassen. Er lehrt den Zuschauer, dass er sich öfter einmal für etwas begeistern sollte. Die Inszenierung macht aber auch deutlich, wie wichtig Kunst und Theater sind, um all diese Prozesse in Gang zu setzen und dem Publikum zu verdeutlichen. Von daher dürfte Lachnitt nicht umsonst dieses Stück in einer Zeit, in der das Land den Kulturbetrieben unerbittliches Sparen befohlen hat, auf den Spielplan gesetzt haben.

Nein, dieser „Mann von La Mancha“ benötigt kein Chichi, keine schrillen Dekorationen. All das würde nur von den Schauspielleistungen ablenken. Denn sie machen die Inszenierung zu dem, was sie ist: ein wundervoller Traum.

Musikalische Leitung: Markus Baisch  |  Regie: Wolfgang Lachnitt  |  Ausstattung: Christian Albert  |  Dramaturgie: Lür Jaenike  |  MIT: Sangmin Jeon| Ryszard Kalus| Lena Kutzner| Bernd Könnes| Sebastian Naglatzki| Andrés Felipe Orozco| Angelo Raciti| Christian Arnold | Dieter Köplin | Lothar Dreyer, Sylke Kamin, Hannelore Richter, Verena Schuster, Raqmin Varzandeh