REPERTOIRE   Rückschau
Bartsch, Kindermörder | Stückbeschreibung | Presse
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Nordkurier / Kultur
Mo 25.01.2016
Der ungeschönte Blick in die kaputte Welt eines Kinderschänders von Marcel Auermann

Regisseurin Isolda Wabra hat mit ihrem Hauptdarsteller Sven Jenkel aus dem widerlichen Einpersonenstück „Bartsch, Kindermörder“ ein intensives Theatererlebnis geschaffen.

Anzughose, gestreiftes Hemd, mintfarbener Pullover drüber, die Haare akkurat gescheitelt, das Gesicht penibel rasiert, da blieb keine Bartstoppel stehen. Seine Nachbarn würden ihn – wie es oft so im Nachhinein ist – als adretten, netten, jungen Mann bezeichnen, hilfsbereit, sympathisch und so unauffällig im Alltag. Jürgen Bartsch, der Biedermann. Doch mit ihm stimmt etwas nicht. Er ist mit sich im Unreinen, aufgewühlt, aufgeregt, ruhe- und rastlos. Er wandelt von links nach rechts, von rechts nach links, und wieder zurück. Das Stück „Bartsch, Kindermörder“, das am Wochenende in Neubrandenburg Premiere feierte, hat noch nicht einmal begonnen. Das Publikum findet sich erst langsam ein. Bartsch ist das egal. Er läuft und läuft und läuft. Von links nach rechts. Von rechts nach links. 20, 30, 40, vielleicht 50 Mal macht er das. Den Blick stets auf die Mauer fixiert. Der Mann besitzt den irren, wirren, verrückten Blick.
Es scheint als wolle Jürgen Bartsch wegrennen. Vor sich selbst. Er lässt sich nicht stören. Er muss das alles tun. Er ist besessen von ekelhaften, abstoßenden, entsetzlichen, grausamen Zwängen. Denn er ist beileibe nicht dieser Biedermann. Er ist ein kaltblütiger Kindermörder, ein kranker Kinderschänder. Ihn gab es wirklich. Sein Fall war einer der spektakulärsten Prozesse der Bundesrepublik.
Jürgen Bartsch war selber noch ein Junge, gerade mal 15 Jahre alt, als er 1962 zum ersten Mal mordete. Am Ende stehen vier Jungen zwischen acht und zwölf Jahren auf seiner Todesliste, die starben, nachdem er sie folterte. Als sie tot waren, weidete er sie aus, verging sich an den Leichen. Seine Morde hatte er sich bis ins Kleinste ausgemalt: ein Kind in seine Gewalt bringen, in einen Stollen schleppen, wo er quälte, wo der Metzgergeselle im Wortsinne schlachtete – tötete. Er hat die Leichenteile berührt, befühlt, berochen.
Bartsch schlingt das Essen hinunter wie ein Raubtier
Der Zuschauer könnte sich übergeben, wenn Hauptdarsteller Sven Jenkel am Küchentisch sitzt und anfängt sein Abendessen auszupacken. Langsam öffnet er die Plastiktüte mit der Thermotasche darin, reißt sie auf, benutzt kein Besteck wie jeder andere zivilisierte Mensch, sondern holt mit den Fingern das halbe, glitschige, fettige, ölig-glänzende Hähnchen heraus.
Er kann es gar nicht abwarten, das Fleisch abzuziehen, es wie ein Kannibale in den Mund zu stopfen. Immer hastiger. Immer mehr. Er kaut nicht einmal richtig und schluckt es hinunter wie ein Raubtier, spielt mit den kleinen Knöchelchen zwischen den Fingern.
Regisseurin Isolde Wabra findet ein unglaublich starkes Bild, das verdeutlich, wie brutal, emotionslos, kaltblütig Jürgen Bartsch vorgegangen sein muss. Generell führt Wabra ihren Kollegen Sven Jenkel an seine Grenzen. Sie holt aus ihm die große Schauspielkunst heraus. Beide zusammen lassen den Zuschauer hinabtauchen in die eisige, abscheuliche, dunkle Seele. Die Szene mit dem Hähnchen ist die stärkste. Spätestens da ist das Publikum im Bann des Darstellers, der in den vergangenen Jahren auf den Bühnen im Nordosten selten so präsent, so eins mit seinem Charakter wirkte. Möglicherweise ist Sven Jenkel eben doch nicht die Knallcharge, obwohl er leider viel zu oft so besetzt wird. Ihm tut es gut, sich intensiv mit dem problembeladenen Protagonisten auseinanderzusetzen anstatt in anderen Produktionen den Witzbold eher beiläufig auf die Bühne zu schmettern.
Wie er die Figur des Jürgen Bartsch fein ziseliert – Kompliment. Er schafft es, den Zuschauer zwischen Mitleid und tiefer Abscheu schwanken zu lassen. Denn da sind nicht nur die widerlichen Taten, die er fast im beiläufigen Erzählton über die Rampe spricht. Es gibt auch die andere Seite, das Alltagsleben in seiner Adoptivfamilie: ohne Liebe, voll Herrschsucht und Sauberkeitswahn, ohne Freunde, voller Einsamkeit, ohne sexuelle Aufklärung, voller Verbote. Er schildert die Sehnsucht, immer Kind zu bleiben. Wie aus dieser explosiven Mischung dann aber die Bestie Bartsch werden konnte, wird fürs Publikum nie nachvollziehbar werden.


Nordkurier
Fr 22.01.2016
Wie schwer es ist, einen kaltblütigen Kinderschänder zu spielen von Marcel Laggai

Heute hat das Stück „Bartsch, Kindermörder“ Premiere im Schauspielhaus

Neubrandenburg. Wie sich der Darsteller Sven Jenkel (28) auf dieses spezielle Bühnenwerk vorbereitete und ob es Bedenken gab, hat er Marcel Laggai verraten.

In Ihrem neuesten Stück verkörpern Sie den jugendlichen Jürgen Bartsch.
Um was geht es konkret?
Es ist sozusagen eine Beschreibung seines Lebens. Das geschieht mithilfe einer Korrespondenz zwischen einem Journalisten und Jürgen Bartsch – über zehn Jahre hinweg. In einem Monolog erfährt der Zuschauer, wie Bartsch aufgewachsen ist und welche Einflüsse ihn zu dem Kinderschänder und Kindermörder haben werden lassen. Aber es geht mitnichten darum, seine Taten zu rechtfertigen oder Gründe zu finden, dass das schon in Ordnung ist, dass er das gemacht hat. Auf keinen Fall.

Wie haben Sie sich auf diese schwere Rolle vorbereitet?
Es war sehr interessant, da man an komische Grenzen stößt. Es geht schon damit los, wenn Kollegen fragen: Wie laufen denn die Proben? Da kann man nicht einfach sagen, dass es Spaß macht. Dazu habe ich mein Handwerk so gelernt, eine Rolle zu verteidigen und den Standpunkt auf der Bühne ehrlich zu vertreten. Und ein Kinderschänder zu sein, das sagt sich nicht so einfach weg. Da denkt man schon recht oft: Wie soll das funktionieren? Dazu war es sehr hilfreich, die Texte – was er etwa mit seinen Opfern machen will – oft zu wiederholen.

Gab es dabei Probleme, oder gar innere Barrieren?
Es gab manchmal Textpassagen, da macht der Kopf einfach dicht. Das ist ein wahnsinnig klares Zeichen, dass man da innere Blockaden hat. Da musste ich einfach kurz abschalten, brauchte Ablenkung. Es wäre aber auch komisch, wenn das nicht so wäre. Wäre ich jedoch bereits Vater, dann hätte ich sicherlich größere Probleme mit der Rolle gehabt.

Hatten Sie Bedenken diese Rolle anzunehmen?
Die gab es bei mir tatsächlich nicht. Schließlich ist es für mich als Schauspieler eine Herausforderung und auch schön, einen Abend allein zu tragen. Außerdem ist die Zusammenarbeit mit der Regisseurin Isolde Wabra sehr intensiv, offen und direkt – was für so eine Sache unbedingt nötig ist.

Wie wir wissen, verliert dieses Thema nie an Aktualität. Gibt es Parallelen zur Gegenwart?
Unbedingt. Das Entscheidende ist die gesellschaftliche Verantwortung, die darin liegt, so eine junge Kinderseele zu erziehen und zu behüten. Auch die Übergriffe in katholischen Jugendheimen oder Internaten sind ja erst vor ein paar Jahren hochgekommen und diskutiert worden. Obwohl es doch bekannt war. Da denkt man sich: Das kann doch nicht wahr sein, dass eine Gesellschaft so etwas deckt. Auch wie mit dem verhafteten Bartsch umgegangen wurde, ist recht fragwürdig. Er war quasi der Büßer für alles Mögliche, während seine Adoptiveltern im Prozess von jeglicher Schuld reingewaschen wurden.

Mitleid oder Abscheu – welches Gefühl wollen Sie bei den Zuschauern hervorrufen?
Weder noch. Am besten keins davon. Mitleid ist auf jeden Fall ganz falsch, dann hätten wir etwas nicht richtig gemacht. Wünschenswert wäre eine Art Verständnis, das man gerade nicht haben will, weil sich moralische Instanzen verschieben. Es wird sicher auch geschehen, dass sich die Gefühle des Publikums wandeln. Und dazu erhoffe ich mir, dass die Zuschauer überrascht sind – hinsichtlich des Stückes und der eigenen Reaktion.

Zuvor standen Sie in dem Roadmovie „Tschick“ auf der Bühne. Welche Rollen
liegen Ihnen eher?
Innerhalb meines Studiums und auch danach war ich größtenteils in komödiantischen Rollen besetzt worden. Diese mag ich sehr gerne. Sie liegen mir schon. Wobei „Tschick“ schon eine starke Mischung ist – aus wahnsinnig komischen und auch emotionalen Momenten. Aber der Kindermörder hat für mich eine willkommene Herausforderung dargestellt. Dazu fordert er nicht nur mich, sondern auch die Zuschauer. Dann ist Theater am interessantesten, gerade weil es was riskiert.

Welche Stücke sind in diesem Jahr noch geplant?
Also meine nächste Premiere ist tatsächlich schon in drei Wochen. Es ist das Stück „Viel Lärm um Nichts“, wo ich einen Mönch spielen werde. Danach kommt „Warten auf Godot“ auf mich zu und dann haben wir im Sommer „Die Drei von der Tankstelle“.

Regie Isolde Wabra (R.) Dramaturgie Katrin Kramer mit Sven Jenkel