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Nordkurier
Mo 26.10.2015
Rasantes Tempo und viel Witz zwischen zwei Kletterwänden von Frank Wilhelm

13 Figuren und nur vier Darsteller – wie geht das denn? Sehr gut, wie die Inszenierung von „Tschick“ im Schauspielhaus Neubrandenburg zeigt.

Fieberhaft arbeitete Wolfgang Herrndorf im Frühjahr 2010 an seinem Jugendroman „Tschick“. Er wusste, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Im Februar des gleichen Jahres hatten die Ärzte einen bösartigen Hirntumor festgestellt. Schon mit 45 Jahren stand für ihn fest, dass sein Leben in naher Zukunft zu Ende gehen wird.
Die Inszenierung der Theaterfassung, geschrieben von Robert Koall, die am Freitagabend im Neubrandenburger Schauspielhaus eine glänzende Premiere feierte, nimmt das rasante Schreibtempo Herrndorfs auf. Als Tschick seinen von den Ferien gelangweilten Klassenkameraden Maik Klingenberg mit dem geklauten Lada abholt, beginnt ein klassisches Roadmovie. Im Roman geht es quer durch Deutschland Richtung Walachei.
Auf der Bühne spielt sich die Tour zwischen den sparsam eingesetzten Requisiten ab. Links und rechts hat Ausstatter Jörg Masser eine Art Kletterwand aufgebaut. In
der Mitte steht eine drehbare Skater-Rampe, die abwechselnd als Pool, Müllhalde oder Auto dient. Tschick (Sven Jenkel) und Maik (Fabian Quast) „fahren“ auf einem riesigen Ghettoblaster von Abenteuer zu Abenteuer. Die beiden tragen die Handlung, die keinen Stillstand kennt. Maik gibt noch dazu den Erzähler. Hut ab vor der Leistung von Fabian Quast. In den eineinhalb Stunden – ohne Pause – muss er nicht nur eine riesige Textmenge bewältigen, was er in einer Mischung von jugendlicher
Ernsthaftigkeit und Komik auch außerordentlich hervorragend tut. Quast ist außerdem unablässig in Bewegung. Sogar einen tadellosen Salto vom Pool-Rand liefert er ab. Sein Pendant Sven Jenkel alias Tschick alias Andrej Tschichatschow
steht ihm kaum nach. Sehr unterhaltsam seine mit russischem Akzent durchsetzte
Rede und seine Lässigkeit. Der junge Jenkel, der erst vor einem Jahr die Theaterakademie Zinnowitz absolviert hat, zeigt schon jetzt eine bewundernswerte
Souveränität auf der Bühne.
Zwei Schauspieler mimen elf Rollen
Und die restlichen elf Figuren? Die werden allesamt von Giulia Weis und Thomas Pötzsch dargestellt. Die 24-Jährige, ebenfalls ein Gewächs der Theaterakademie,
beeindruckt als Isa, dem schnoddrig-frechen Mädchen, dem Maik und Tschick auf ihrem Trip begegnen. Außerdem brilliert sie als Maiks alkoholsüchtige Mutter und in drei weiteren Rollen. Thomas Pötzsch schlüpft gleich in sechs Figuren – insbesondere sein kleiner, Roller fahrender Schlaumeier Friedemann mit zugeklebtem Brillenglas sorgt für Lacher.
Die Reise von Maik und Tschick verläuft rasant, mit viel Tempo und Witz. Es ist ein Roadmovie durch das aktuelle Seelenleben deutscher Jugendlicher, deren Leben
spätestens ab der Grundschule vorgezeichnet scheint. Schon lange sah man in einer
Premiere des Theaters Neubrandenburg/Neustrelitz nicht mehr so viele junge
Leute. Ihr Applaus beweist, dass Herrndorf und Urs-Alexander Schleiff als Regisseur
der Neubrandenburger Inszenierung ihren Nerv treffen. Das Stück hat das Zeug, zum
Renner der Saison zu werden. Und: Wer als Deutschlehrer seine Schüler partout nicht für Dramatik begeistern kann, dem sei ein Besuch von „Tschick“ empfohlen.


Nordkurier
Do 22.10.2015
Im geklauten Lada mit Vollgas durch die Provinz von Matthias Diekhoff

Der Roman „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf gehört zu den größten literarischen
Erfolgen der vergangenen Jahre. Im Moment wird er verfilmt. Die Bühnenfassung
ist schon jetzt in Neubrandenburg zu sehen.

Maik Klingenberg ist 14 Jahre alt und eigentlich ein ganz normaler Junge. Ein bisschen langweilig vielleicht. Auf jeden Fall zu langweilig, um zum Beginn der Sommerferien von der Klassenschönsten Tatjana zum Geburtstag eingeladen zu werden. Ebenso wenig wie Andrej Tschichatschow, den alle nur Tschick nennen. Und der sich vor allem dadurch hervortut, alkoholisiert zum Unterricht zu erscheinen und sich ansonsten ruhig zu verhalten.
Doch während Maik noch mit seinem Schicksal hadert, hat das Spätaussiedlerkind
Tschick schon längst ein Auto kurzgeschlossen und nimmt seinen neuen Kumpel mit auf eine abenteuerliche Tour durch die brandenburgische Provinz, eigentlich nur, um seine Verwandten in der „Walachei“ zu besuchen. Maik wird es danach so nennen: „So ungefähr die aufregendste und tollste Woche meines Lebens“.
Was die beiden dabei erleben und wem sie begegnen, kann jetzt im Neubrandenburger Schauspielhaus bestaunt werden, wo das Stück nach dem sehr erfolgreichen Roman von Wolfgang Herrndorf morgen Premiere feiert. Auch für den Regisseur Urs-Alexander Schleiff dürfte das alles andere als ein langweiliger Abend werden. Ist es doch das erste Stück, dass er in Neubrandenburg inszeniert. Einem Ort, zu dem er eine besondere Verbindung hat, denn vor rund 50 Jahren haben seine beiden Eltern im Neubrandenburger Schauspielhaus ihre Bühnenkarrieren
begonnen. Für Urs-Alexander Schleiff ein „bemerkenswerter“ Umstand.
Ältere Darsteller werden wieder zu Teenagern
Und auch eine gute Gelegenheit, sich mit einer bemerkenswerten Inszenierung
einen Namen zu machen. Schließlich ist der Stoff ein lupenreiner Roadtrip, die Handlung lebt davon, dass sich die Figuren von einem Ort zum anderen bewegen und von den Menschen, denen sie dabei begegnen. So wie es in einem anderen sehr bekannten Roman der Fall ist, nämlich in „Huckleberry Finns Abenteuer“
von Mark Twain. Nur dass die Protagonisten nicht mit einem Floss aus dem Mississippi unterwegs sind, sondern mit einem Lada „Niva“ auf den Landwegen der Mark. Und wie bei dem großen Amerikaner ist es auch beim deutschen Autor die Jugend-Sprache in Form von Slang, Dialekt und Akzent, die eine wichtige Rolle spielt.
Doch Wolfgang Herrndorf hat seinen Figuren nicht nur aufs Maul geschaut, sondern
auch in ihre Köpfe und Herzen. Und Regisseur Schleiff findet es „wahnsinnig toll“, wie er dieses Halbwissen und diese Naivität im Roman darstellt. Und die Tatsache, dass 14-Jährige nun mal lange nicht so klug sind, wie sie daherreden.
Die Herausforderung für den Regisseur bestand nun darin, dass alles auf eine Bühne
zu bringen, die sich nicht bewegt und mit Schauspielern, deren 14. Geburtstag schon
ein paar Jährchen her ist. Und er setzt sogar noch einen drauf, indem er die vermutlich jüngste Rolle des Stücks, den Dreikäsehoch Friedemann, mit einem noch älteren Darsteller besetzt. Und das funktioniert nicht nur, das ist auch ziemlich witzig.
Überhaupt seien Roman und Stück nicht nur was für junge Leute, findet Urs-Alexander Schleiff. Denn schließlich geht es doch um die ganz großen Themen wie Liebe, Freundschaft, das Ausbrechen und das Wiederzurückkommen. Vielleicht nicht als anderer Mensch, aber doch als veränderter. Oder auch als Nachfahre von jemandem, der schon mal da war.

Regie Urs-Alexander Schleiff  |  Ausstattung Jörg Masser  |  Dramaturgie Katrin Kramer  |  mit: Sven Jenkel| Anika Kleinke| Thomas Pötzsch| Fabian Quast