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Der Diener zweier Herren | Stückbeschreibung | Presse
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Nordkurier / Kultur
Mo 21.09.2015
Was für ein herrliches Durcheinander von Marcel Auermann

Die Neustrelitzer Inszenierung von „Der Diener zweier Herren“ besitzt Witz und Aktion. Innerhalb des elfköpfigen Ensembles kristallisieren sich aber schnell die wahren Komiker heraus.
Für manchen mag es völlig kurios klingen, aber die Frage sei erlaubt: Würde „Der Diener zweier Herren“ auch als Ein-Personen-Stück funktionieren? Nein, nein, nun mal keine Angst. In Neustrelitz, wo das Stück Premiere feierte, hat alles seine Ordnung. Es gibt ein elfköpfiges Ensemble, alle Rollen sind besetzt – und zwar gut. Nach vielen Verkleidungen, Verwechslungen, Intrigen, Späßen und Flunkereien finden sich am Ende drei glückliche Liebespaare.
Dennoch kann die Antwort auf die oben aufgeworfene Frage nur lauten: Ja, die Komödie funktioniert auch als Ein-Personen-Stück – wenn der Regisseur Marco Bahr in der Hauptrolle als tüddeligen, depperten, weltfremden, naiven Truffaldino besetzt. Das wird nicht gleich zu Anfang deutlich, denn die Inszenierung von Jürgen Kern kommt etwas schwer in die Gänge. Da geraten die Charaktere etwas durcheinander, sie stehen mal hier und mal da auf der Bühne herum. Nach etwa 20 Minuten allerdings gehört Marco Bahr die ganze Aufmerksamkeit. Er spielt sich frei und freier. Der Zuschauer vergisst die anderen zehn Figuren. Vielleicht blendet er sie nach und nach auch absichtlich aus, weil er auf die nächsten Kracher, Pointen, Trotteligkeiten dieses Dieners wartet, der sich am besten zweiteilen müsste, um sowohl Beatrice Rasponi als auch Florindo Aretusi gerecht zu werden. Es sind diese alltäglich und ja im Grund völlig belanglosen Szenen wie das Kleiderlüften und Kofferausräumen, die ihn fast um den Verstand bringen.
Allein die Erscheinung von Marco Bahrs Truffaldino gehört in die Kategorie köstlich, ganz köstlich. Mit seinem gekalkten Gesicht wirkt er im kühlen Scheinwerferlicht wie eine Leiche. Blutleer, aber doch lebendig. Schon in Starre, aber doch staksig über die Bühne wandelnd. Dazu sein zerschlissener, zerfranster Smoking mit Vatermörderkragen-Hemd, wo die Fliege – das wäre zu einfach – eben nicht an Ort und Stelle sitzt, sondern schief am Bauch baumelt. Dieser Angestellte, der jedem seiner beiden Herrn dienen und das Beste leisten möchte, scheitert gerade daran. Er müsste sich zerreisen können, er schafft das nur halblebig – so wie sein Äußeres vermuten lässt. Diese Ver-Rücktheit in der Person spielt Marco Bahr bravourös. Er führt Selbstgespräche oder zettelt eine reale Kommunikation mit dem Publikum an.
Der Neue im Ensemble stellt einen Gewinn dar. Was er Großes leistet, lässt sich in drei Szenen festhalten:
1. Die Brotszene
Truffaldino öffnet aus Versehen die Post an seine Herrin Beatrice Rasponi. Von seiner Mutter weiß er noch, dass sich Siegel mit gekautem Brot nachahmen lassen. Schnell sprintet er ins Publikum und fragt nach einem Stück Brot, das er rein zufällig bei einem Zuschauer in der Tasche findet. Weil der Diener allerdings mehr als ausgehungert ist, rutscht ihm ein ums andere Stück direkt die Kehle hinunter. Erst beim dritten Versuch käut er einen durch Spucke aufgeweichten Brotfladen wieder, den er auf den Brief pappt.
2. Das Stellen der Speisen
Truffaldinos Herren wünschen sich ein fünfgängiges Menü. Da der Kellner allerdings keine Kenntnis besitzt, wie man die Speisen perfekt auf einem Tisch drapiert, erledigt Truffaldino zumindest die praktische Anleitung kurzerhand selbst. Mit einer unglaublichen Zungenakrobatik lässt Marco Bahr daraus eine ordentliche Wortkanonade werden.
3. Das Parallel-Bedienen
Egal, wo man sich das Carlo-Goldoni-Stück anschaut, spätestens beim Parallel-Bedienen für beide Herren muss der Regisseur das komödiantische Feuerwerk zünden. Man verrät nicht zu viel, wenn die Jonglage von Suppe, Frikadellen, Schafbraten, Frikassee, Pudding, Ananas, Gurke, Melone und Obst einen Höhepunkt darstellt.
Ach, was könnte man noch von Marco Bahr schwärmen – wie er Beatrice den Hintern ins Gesicht streckt, er sich von der Szenerie abwendet und so tut, als würde er ins Gebüsch pinkeln, wie er aus dem Wort Nutella „nur Teller“ macht und, und, und.
Es ist schon unfair, wie Goldoni diese Komödie strickte. Alles auf Truffaldino hingeschrieben. Dabei haben es die anderen Charaktere schwer, obwohl auch sie es faustdick hinter den Ohren haben. Besonders stechen die Gespräche zwischen Beatrice Rasponi (Lisa Voß) und Clarice (schön melancholisch: Giulia Weis) hervor, die einen gehörigen Schuss Homoerotik mitbekommen, die darin gipfelt, dass sich beide an die Brüste gehen und sie ausdiskutieren, wer mehr Holz vor der Hütt’n hat. Sven Jenkel gibt den kautzigen Liebhaber Florindo im giftgrünen Pelzmantel. Michael Goralczyk präsentiert mit seinem Silvio, der in Bermudas, gelben Kniestrümpfen und schwarz-weißen Spectators-Halbschuhen auf die Bühne kommt, einen wahren Hingucker. Mal davon abgesehen, dass Goralczyks Figuren stets diese naive, kindliche, liebenswerte Süße besitzen.
Zwar sind bei Jürgen Kerns „Diener zweier Herren“ durch den übergroßen, leider leeren und mit vielen Sprüngen versehenen Suppenteller der Hunger und die Armut allgegenwärtig. Vielmehr ist dieser Abend aber auf Spaß ausgelegt. Er ist ein Vergnügen, ein Fest, ein toller Spielzeitauftakt.

Regie Marco Bahr  |  Ausstattung Alexander Martynow Dramaturgie Katrin Kramer  |  Mit: Marco Bahr| Michael Goralczyk| Sven Jenkel| Michael Kleinert| Thomas Pötzsch| Fabian Quast| Lisa Voß| Isolde Wabra | Peter-Udo Gensch, Diethard Wegner