REPERTOIRE   Rückschau
Hello, Dolly! | Stückbeschreibung | Presse


Musicalzentrale.de
Di 07.07.2015
Dolly zieht die Fäden von Kai Wulfes

Im 15. Jahr der Schlossgartenfestspiele steht in Neustrelitz nach vierzehn Operetten ein Musical auf dem Spielplan. Ganz den Erwartungen des Stammpublikums entsprechend inszeniert Wolfgang Lachnitt sehr traditionell große Bilder mit klamottiger Personenführung in der schmucker Ausstattung von Bernd Franke (Bühne) und Stephan Stanisic (Kostüme).
Schwach: DDR-Entertainment-Urgestein Dagmar Frederic in der Titelrolle.
Große Aufregung im edlen Harmonia-Garden-Restaurant. Der Oberkellner kündigt einen ganz besonderen Gast an: "Die Einzigartige, die Göttliche: Dolly Gallagher Meyer". Zum unverwüstlichen Titelsong "Hello, Dolly" schreitet die Angekündigte in einem silbernen Paillettenkleid - gekrönt mit einem extravaganten Fasanenfeder-Kopfputz - die leuchtenden Showtreppenstufen hinunter. Im nächtlichen Neustrelitzer Schlossgarten breitet sich zum Klang der Neubrandenburger Philharmonie (Dirigent in der besuchten Vorstellung: Jörg Pitschmann) beschwingte, operettenseelige Revue-Atmosphäre aus.
Ähnlich wie bei diesem Auftritt der Titelfigur zum Ende des Stücks, gelingt es Regisseur Wolfgang Lachnitt während der gesamten Aufführung mühelos, bei Massenszenen die sehr breite Bühne mit Leben zu erfüllen. Dabei nutzt er die Möglichkeiten einer Open-Air-Aufführung und lässt zum Beispiel die Protagonisten in vier echten Pferdekutschen aus dem Provinzkaff Yonkers in die Metropole New York abreisen. Mit Choristen (Opern- plus Extrachor des Landestheaters), sechs Tanzpaaren (Deutsche Tanzkompanie), einer Blaskapelle (Lychener Stadtmusikanten) und einem Heer an Statisten entstehen Tableaus mit großem Schauwert. Einziger Wehrmutstropfen ist die wackelige, sehr asynchrone Umsetzung der ohnehin recht einfachen Ballett-Choreografien (Thomas Vollmer).
Bernd Frankes eindrucksvoller, blau-weiß-roter Stars-And-Stripes-Bühnenaufbau unterstreicht die schicke Optik ebenso wie das in den gleichen Farben gehaltene, opulente Ensemble-Kostümbild von Stephan Stanisic. Die Titelheldin kleidet Stanisic hingegen in elegante, oft bonbonfarbene Roben, die ebenso mit Rüschen, Schleifchen oder Blumen übersät sind wie die der weiblichen Nebenrollen. Die Herren erscheinen in grell-bunten Anzügen mit gewagten Karo-Streifen-Kombinationen.
Diese leicht in Richtung einer Karikatur übertriebenen Kostüme korrespondieren gut mit Wolfgang Lachnitts Personenführung. Insbesondere die Nebenfiguren wirken bis an die Schmerzgrenze reichend klamaukig überzeichnet. Cornelius Hackl (übertrieben überdreht: Hardy Lang) und Barnaby Tucker (mit Donald Duck-Grimassen und -Lachen: Andrés Felipe Orozco) verkommen ebenso zu Knallchargen, wie Ermengarde (kreischig: Margret Giglinger) und deren Galan Ambrose Kemper (trottelig und tumb: Christian Arnold). Bei diesem nervigen Paar bleibt zudem unklar, welche Funktion sie überhaupt im Stück haben.
Lena Kutzner und Anna Maistriau spielen das Hutmacherinnen-Duo Irene Molloy und Minnie Fay nicht ganz so übertrieben, setzen allerdings das gesteckte Ziel, sich an Männer heranzuschmeißen, konsequent um. Umso hektischer reagieren sie, als Horace Vandergelder (Bernd Könnes als polternder Stinkstiefel mit Herz) das Versteck seiner beiden Angestellten in ihrem Geschäft zu entdecken droht. Alle Solistinnen und Solisten, eher im klassischen Fach als im Musical zu Hause, singen stimmschön ohne Ausreißer nach oben oder unten.
Als Dolly steht Dagmar Frederic, vor der Wende eine der bekanntesten Entertainerinnen der DDR, auf der Bühne. Allerdings füllt sie die Rolle der Leading Lady nur bedingt aus. Frederic gibt eher die elegante Dame, ihr fehlen ein gewisses Maß an Souveränität und Frechheit. Vielleicht entsteht dieser Eindruck auch, weil ihre Texte eher aufgesagt wirken und sie der Dolly eine gewisse Distanz zu den anderen Mitspielern verleiht. Gesanglich ist Frederic solide, allerdings mangelt es ihrer angenehmen, eher tieferen Chansonstimme an strahlender Durchsetzungskraft.
Großen Jubel für Frederic hagelt es am Ende trotzdem. Schließlich ist sie - ähnlich wie ihre Bühnenfigur - der auf allen Plakatwänden der Stadt groß angekündigter Stargast. Und wie im Stück zeigt das auch beim Publikum in Neustrelitz die gewünschte Wirkung.


Nordkurier / Kultur
Mo 06.07.2015
Ein bisschen Broadway in Neustrelitz von Marcel Auermann

Nicht nur dieser Sommer ist heiß. Auch die Inszenierung von „Hello, Dolly“, die am vergangenen Wochenende in Neustrelitz Premiere feierte, raubt dem Zuschauer den Atem. Marcel Auermann zeigt, wieso die Musik-Komödie einem wahren Spektakel gleichkommt und die lauen Abende der kommenden Wochen verschönert.

Bravo – trotz Bullenhitze gibt dieses Ensemble fast drei Stunden lang alles! Dolly (Dagmar Frederic, Mitte) beim Titel-Ohrwurm „Hello, Dolly“. Fotos (3): Joerg Metzner
Das Ensemble
Es wuselt nur so. Meine Güte, was ist da los! Was gibt’s da zu gucken, nein, schon fast zu glotzen. Der Opern- und Extrachor des Landestheaters, die Tanzkompanie, die Statisterie und natürlich das eigentliche Ensemble füllen die Bühne. Es ist eine wahre Freude, dieser ausgelassenen Truppe zuzuschauen. Selbst bei Temperaturen jenseits der 30 Grad und Kostümen, in denen die Darsteller wohl schwitzen, dass ihnen Rinnsale unter den Achseln und die Kniekehlen hinunterlaufen, verlieren sie zu keiner Sekunde diese unglaubliche Spielfreude. Sie strahlen, dass es bis in die hinteren Reihen zu sehen ist. Sie sind bei der Sache, hängen sich rein als müssten sie zeigen, weshalb das Musiktheater in Neustrelitz nicht kaputtgespart werden darf. Oh, dem Zuschauer geht das Herz auf, weil er all das in Kombination nicht alle Tage in der Region erlebt.
Die Choreografien
Die Darsteller scheinen nur so über die Bretter zu schweben. Ob beim Kellner-Ballett, beim Gang auf die Pferdekutsche oder beim Titel-Ohrwurm. In luftigen, lockeren, leichten Bewegungen gleiten sie über die Bühne. Es ist das unbeschwerte Leben einer Sommernacht, die Suche nach dem einzig wahren Partner des Lebens, dieser Zustand des Verliebtseins, der einen in ein Paralleluniversum trägt. Die Gefühle, die Schmetterlinge im Bauch bewegen einen zu Dingen, die man sich sonst nicht zutrauen würde, sie machen einem Mut. All das vereint Regisseur und Choreograf Wolfgang Lachnitt in den Bewegungen seines Ensembles.
Die Schauspieler nutzen die komplette Breite der Bühne. Mit weiten, großen Gesten können sie agieren, während sie unterm Jahr in den engen Theatern im Nordosten beinahe wie eingesperrt wirken. Diese meterlangen Girls- und Boys-Reihen kann es nur beim Sommerfestspiel geben. Die Figuren, die die Kompanie tanzt, bringen unglaublichen Schwung in die Produktion. Dass dieses Räderwerk läuft und läuft und läuft, liegt auch an den Neubrandenburger Philharmonikern (Leitung: Jörg Pitschmann), die die Darsteller mit Walzer, Twist, Fox – und, ach, allem irgendwie – über die Bühne heben.
Lachnitt legt „Hello, Dolly“ nicht nur als musikalische Komödie an. Er präsentiert sie dem Zuschauer als Revue, als Sketch, als Tanz, als Entertainment. Diese Kombination gönnt dem Zuschauer keine Pause.
Die Bühne
„Hello, Dolly“ ist eine ur-amerikanische Geschichte, die in New York und einem piefigen kleinen Vorort namens Yonkers spielt. Was liegt näher, als den Bühnenboden mit einer Nationalflagge auszulegen? Überall der Stars-and-Stripes-Banner. Dazu noch mächtig viel Kitsch an den Straßenlaternen, hier ein Blümchen, dort ein Adler, alles in Rot und Blau und Weiß gehalten. Wer da nicht im Thema ist! Links der liebevoll dekorierte Farmerladen von Horace Vandergelder, der dem Charme seiner Heiratsvermittlerin erliegt. Rechts der üppige, schrill-rosa gehaltene Hutladen von Irene Molloy, die sich eigentlich an den stinkreichen Vandergelder ranwanzt. Dazwischen die fast nicht enden wollenden Treppenaufgänge, auf denen getanzt, gesteppt, gesungen, gelacht, geliebt wird.
Die Kostüme
Die Kleider, Röcke, Anzüge berauschen den Zuschauer mit ihren Farben. Manches tut in den Augen weh, aber es muss so sein, dass die Opulenz des Stückes bis in die Zuschauerränge gelangt – und die Kostüme gehören ins 19. Jahrhundert, in dem „Hello, Dolly“ spielt. Sie glitzern und funkeln und strahlen im Scheinwerferlicht. Besonders die Kleider der Protagonistin Dolly sind eine Wucht: tailliert, geschnürt, schöne Dekolletés, Rüschen, wallende Röcke, wohin das Auge schaut. Mit den Hüten und ellenlangen Federn im Haar sticht Dolly den anderen auf der Bühne fast die Augen aus. Kostümbildner Stephan Stanisic zeigt, was seine Abteilung drauf hat. Eine Ausstattungs-Revue par excellence. Kompliment!
Die Hauptrollen
Natürlich ist „Hello Dolly“ voll und ganz auf Hauptdarstellerin Dagmar Frederic zugeschnitten. Als „die Einzige, die Göttliche“ wird ihre Rolle im Stück bezeichnet. Und sicher: Man merkt, wie sehr die 70-Jährige den Applaus, das große Publikum genießt. Dennoch reiht sie sich ins Ensemble ein. Sie möchte keinen Sonderstatus, weil sie die Frau aus dem Fernsehen ist. Sie spielt sich nicht hervor und die anderen an die Wand. Denn sie weiß, dass ihr Charakter nur glänzt, wenn die Entourage um sie herum auch zur Geltung kommt. Das tut der Inszenierung gut. Mal davon abgesehen, dass sie zwar die Titelrolle spielt, aber andere Schauspieler weitaus öfter präsent sind.
Da wäre zum Beispiel Hardy Lang als Cornelius Hackl, ein Angestellter von Horace Vandergelder. Er ist stimmlich die Überraschung. Wuchtig und voluminös singt er sich durch den Abend.
Lena Kutzner gibt der Hutschneiderin Irene Molloy eine herrliche Kernigkeit. Das Zusammenspiel mit Anna Maistriau beim Duett „Wir tanzen“ ist allerdings nicht synchron, so dass es fast wie ein Kanon wirkt.
Geradezu köstlich verwächst Margret Giglinger mit ihrer Figur Ermengarde. Sie piepst so schrill und quengelig wie eine verzogene Göre nur sein kann. Mit ihren roten Pippi-Langstrumpf-Haaren, den Zöpfchen und Löckchen stellt sie den Inbegriff einer nervigen Tochter dar, die man nur zu gerne zack, zack aus dem Elternhaus haben möchte.
Generell wirken manche Sprechdialoge etwas gestelzt und der erste Akt gerät zum Ende hin etwas zu lang. Hier und da ein paar Kürzungen hätten der Inszenierung noch mehr Spritzigkeit und Schmackes verliehen.
Die Handlung
Vermutlich benötigt die Produktion so viel Brimborium im positiven Sinn, damit die doch von Anfang an recht durchschaubare Handlung nicht allzu schnell langweilt: Die aufgedrehte und distanzlose Witwe Dolly Gallagher Meyer setzt ihre Kuppelkünste als Heiratsvermittlerin einzig dazu ein, um den nicht gerade unvermögenden Witwer Horace Vandergelder (ein schön schnoddriger, manchmal rotziger Bernd Könnes) – mit dem Segen ihres verstorbenen Gatten von ganz oben – selber zu ehelichen.
Schönster Satz des Stückes
„Manchmal kann es ein Moment sein und man liebt ein Leben lang.“
Und im nächsten Jahr?
Das Singspiel „Im weißen Rössl“ läuft ab 8. Juli 2016 im Schlossgarten Neustrelitz.


Nordkurier / Kultur
Mi 20.05.2015
Dagmar Frederic testet die große Festspiel-Bühne von Anett Seidel

Die Entertainerin ist längst keine Fremde mehr. Gerade ist sie wieder zur Neustrelitzerin auf Zeit geworden. Der Grund: Die Proben zu „Hello Dolly“ am Theater haben begonnen.
Dagmar Frederic ist täglich in Neustrelitz. „Ich habe volles Programm“, erzählt die 70-Jährige gut gelaunt. Nachdem sie den Aufbau der Bühne inspiziert hat, geht es in der Ankleide für die zu DDR-Zeiten bekannt gewordene Entertainerin gleich straff im Tagesprogramm weiter. „Ich bin hier schon fast zu Hause“, sagt die Künstlerin, die sich mit ihrer Dolly-Rolle auseinandersetzt.
Sie freut sich auf die Schlossgartenfestspiele und natürlich auf ihre Rolle in dem Musical „Hello Dolly“. Derzeit bauen die Gerüstbauer die Bühne in unmittelbarer Nähe der Schlosskirche auf. Die Männer benötigen zehn Tage, um die Bretter, die in Neustrelitz die Schlossgartenfestspiele bedeuten, so zu montieren, dass darauf gesungen, getanzt und gespielt werden kann. „Das ist ein Riesenstück“, sagt Dagmar Frederic. Sie weiß Regisseur Wolfgang Lachnitt an ihrer Seite. Beide sprechen von einem Vertrauensverhältnis, ohne das Dolly so nie in Neustrelitz entstanden wäre.
Die Bühne steht an der Schlosskirche
Harte Arbeit liege vor allen, betonen Lachnitt und Frederic. Entgehen lassen wollte sich dieses Spektakel jedoch niemand aus dem Ensemble, sind sie sich sicher. Und sie versprechen: „Es wird wahnsinnige Kostüme geben und eine wunderbare Ausstattung.“ Von einer Leistungsschau wird im Theater sogar gesprochen. Genau diese Ausnahmesituation schweiße zusammen.
Vom 3. bis 26. Juli steht Dagmar Frederic an der Schlosskirche auf der Bühne. Es wird in diesem Jahr ein kleines Jubiläum gefeiert. Zum 15. Mal finden die Schlossgartenfestspiele in Neustrelitz statt. Seit 15 Jahren bauen die Gerüstbauer die Bühne auf, zuerst direkt im Schlossgarten, jetzt das dritte Jahr an der Schlosskirche. Seit elf Jahren ist Wolgang Lachnitt als Regisseur für die Festspiele im Einsatz.

Musikalische Leitung Jörg Pitschmann/Markus Baisch  |  Regie Wolfgang Lachnitt  |  Ausstattung Bernd Franke| Stephan Stanisic  |  Chorleitung Dr. Gotthard Franke  |  Choreographie Thomas Vollmer  |  Dramaturgie Lür Jaenike  |  MIT: Dagmar Frederic | Christian Arnold | Margret Giglinger | Lena Kutzner| Bernd Könnes| Hardy Lang| Anna Maistriau | Andrés Felipe Orozco | Verena Schuster | Mario Thomann | Opernchor und Extrachor des Landestheaters Neustrelitz | Deutsche Tanzkompanie Neustrelitz | Neubrandenburger Philharmonie | Reiterhof Zachmann | Statisterie