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Nordkurier / Kultur
Mo 04.05.2015
So viel Stoff und kein Ende von Marcel Auermann

Jeder Regisseur müsste froh sein, wenn eine Oper geschmeidig über die Bühne geht. „Martha“ wird absichtlich abgewürgt. Wieder und wieder. Das hat dramatische Folgen.
Vorhänge, Vorhänge, nichts als Vorhänge. Das bleibt von der Premiere von „Martha“ am vergangenen Wochenende in Neustrelitz. Keine Wow-Effekte. Keine rührigen Momente, die sich ins Gedächtnis brennen. Alles kleckst so dahin. Wenn es überhaupt kleckst und plätschert und nicht völlig ins Stocken gerät. Denn im Fünf- bis Zehn-Minuten-Takt hebt und senkt sich dieser blaue Stofffetzen. Insgesamt rund 15 Mal an nur einem Theaterabend. Das ist Spitze. Selten sah der interessierte Theater- und Operngänger derart inflationär diese plumpe Art der Trennung der einzelnen Sequenzen. Ja, man kann schon sagen, dass das von Regisseur Thomas Max Meyer schlichtweg einfallslos ist.
Wenn es das allein nur wäre. Aber die Umbaupausen geraten mit ein bis zwei Minuten derart lang, dass das Publikum zu tuscheln, zu tratschen, fast schon richtige Unterhaltungen beginnt. So etwas tut der Konzentration nicht gut. Die Handlung wirkt seltsam auseinandergerissen. Der Fortgang der Geschichte gerät ins Stocken. Im Klartext: Die Atmosphäre – sofern so etwas in den kurzen durchgespielten Szenen überhaupt aufkommt – geht kaputt.

Keine Ordnung im Spiel
Ohne Frage, der Zuschauer findet Gefallen an den bunten Bildern, die Bernd Franke auf die Bühne stellt. Das Wirtshaus mit den üppigen, schweren Türen. Die floralen Sofas, deren Blüten sich auf den Tapeten der Zimmer wiederfinden. Die Blicke in die Landschaft, fast so herrlich wie Caspar-David-Friedrich-Gemälde. Doch, doch, das Publikum bekommt bei „Martha“ einiges zu sehen. Aber die Dekorationselemente sind da, um da zu sein. Sie sind zu wenig logisch in die Handlung eingebunden. Deshalb hätten es etliche Kulissen und viele, viele Vorhänge weniger getan. Drehbühne, abgeteilte Bereiche – es hätte viele Möglichkeiten gegeben, da Ordnung ins Spiel zu bringen. Die einzelnen Bühnenelemente hätten dann genauso ineinandergegriffen wie die Handlungsstränge.
Vermutlich geht aus all diesen Gründen der Oper in der Neustrelitzer Inszenierung viel von ihrer Romantik, erst recht von ihren komödiantischen Elementen verloren. Erst die überzeichneten Momente (dralle Brüste, Stakkato-Gesang, Derbheit) zünden. Leider. Der Humor des Autors Friedrich von Flotow ist eigentlich viel subtiler, filigraner, er landet aber in dieser Form nicht beim Zuschauer.

Wenigstens die Damen räumen den Laden auf
Dabei besitzt „Martha“ einen Inhalt, mit dem ein Regisseur leichtes Spiel hat: Die beiden gelangweilten englischen Damen Lady Harriet und Nancy verdingen sich als Mägde bei ihren Herren Lyonel und Plumkett. Beide Frauen lösen bei den alleinlebenden Landmännern Gefühle aus und schippern nach Irrungen und Wirrungen geradewegs in den Ehehafen. Ganz nebenbei stellt sich Lyonel glücklicherweise auch noch als Grafenspross heraus. Die große Liebe und auch noch das große Geld – was will Frau mehr? Hach, was für ein Boulevardstück, das wie geschaffen dafür ist, einen witzigen Kracher nach dem anderen abzufeuern. Meyers Variante in Neustrelitz ist weit davon entfernt.
Wenigstens gibt es gesanglich nichts zu meckern. Hier bietet der Regisseur die beste Garde der Sänger auf. Anne Maistriau verleiht ihrer Lady Harriet eine unglaubliche kämpferische Kraft. In vielen Momenten überstrahlt sie die Szenerie. Lena Kutzner als Nancy prononciert so glasklar und verständlich wie es nur wenige Opernsängerinnen beherrschen. Chapeau! Diese junge Dame ist ein unglaublicher Gewinn für das Ensemble. In „Martha“ gibt sie mit Maistriau ein quicklebendiges und harmonisches Mädelsgespann ab, das durch die Neubrandenburger Philharmonie (musikalische Leitung: Markus Baisch) ordentlich Schmackes verliehen bekommt.

Ensemble versucht, die Vorhänge wieder gut zu machen
Sebastian Naglatzki gibt einen süßen, verliebten Lord Tristan Mickleford, der sich vor lauter Gefühlen von den Frauen zum Trottel machen lässt. Naglatzki hat das so toll drauf, dass er einem fast schon leidtut, wie er von den gackernden Hühnern umhergescheucht und an der Nase herumgeführt wird.
Ryszard Kalus’ Plumkett fackelt nicht lange, sondern packt an. Dieser forsche Ton schlägt sich auch in seinem knackigen Gesang nieder. Angelo Racitis Lyonel kommt zwischen den anderen Protagonisten ein bisschen zu kurz. Aber alles in allem: Das Ensemble ist das große Kapital des Abends. Ohne das wäre alles nichts und der Zuschauer müsste sich fragen, wozu der ganze Aufwand (mit – Sie wissen schon: Vorhängen, Vorhängen, Vorhängen) eigentlich nötig war.


ML: Markus Baisch  |  INSZENIERUNG: Thomas M. Meyer | BÜHNENBILD: Bernd Franke | KOSTÜME: Renée Günther  |  Chorleitung Dr. Gotthard Franke  |  Dramaturgie Lür Jaenike  |  MIT: Ryszard Kalus| Lena Kutzner| Anna Maistiau | Sebastian Naglatzki| Angelo Raciti| Mario Thomann | Opernchor des Landestheaters Neustrelitz, davon solistisch: Lothar Dreyer, Grit Kolpatzik, Markus Kopp, Barbara Legiehn, Hyoung-Jun Lim, Kang, Bernd Richert, Verena Schuster, Hanna Wollschläger | Extrachor des Landestheaters | Neubrandenburger Philharmonie