REPERTOIRE   Rückschau
La Traviata | Stückbeschreibung | Presse

Nordkurier / Kultur
So 22.03.2015
Die Wucht der Gefühle von Marcel Auermann

Liebe und Trauer, Stadt und Land, Lüge und Wahrheit – allein die Handlung der Oper „La Traviata“ ist schon voller Dramen, so dass die Inszenierung in Neustrelitz ohne Experimente auskommt. Vielleicht ist sie gerade deshalb so packend.
Wenn Schauspieler auf der Bühne Gefühle so stark leben, dass sie selbst das Publikum spürt, dann braucht es keinen Schnickschnack. Wenn Liebe so pur, so herzergreifend, so sehnsüchtig, so aufopfernd daherkommt wie in der Neustrelitzer „Traviata“, dann muss der Regisseur das Stück aus dem 19. Jahrhundert nicht ins Hier und Heute übertragen, mit Designerdekorationen experimentieren und völlig krude Elemente einsetzen.
Fabian von Matt kann sich auf sein Ensemble verlassen. Dessen muss er sich schon während der Probenphase sicher gewesen sein. Denn er inszeniert die Oper aller Opern reduziert, sehr reduziert. Klassisch, sehr klassisch. Keine Experimente. Keine Verzögerungen, keine Rückblenden oder inhaltlichen Umbauten. Alles brav chronologisch erzählt.
Verdis Oper ist nicht nur ein Schmachtstück
Einen Show-Effekt gibt es in dieser Inszenierung nicht. Braucht es auch nicht. Die vier Bilder des Dreiakters bestehen – grob gesagt – aus einer nahezu leeren Bühne. Mal ein Beistelltischchen, mal ein Bett, mal ein Kleiderständer, mal ein Stuhl, mal ein Kronleuchter hier, mal einer dort – fertig ist die Szenerie. Nein, etwas fehlt noch. Vorhänge! Vorhänge werden zuhauf eingesetzt. Rote, violette, blaue, schimmernde und ziemliche Fetzen. Dadurch entstehen elegante Kulissen, die zugleich diese Zwiespältigkeit und (innere) Zerissenheit verdeutlichen. Denn – der Zuschauer vergisst es leicht – in Guiseppe Verdis Schmachtstück geht es neben der Herzenssache auch um Trauer, das Kurtisanentum, den Gegensatz von Metropole und Land, um Klischees, um Lüge und Wahrheit, um Oberfläche und Tiefe. Weil Regisseur von Matt den Chichi weglässt, führt er den Zuschauer an das Gehaltvolle des Melodrams heran.
Die Wucht der Gefühle schwappt in vielen Moment geradezu hinab in die Stuhlreihen. Beinahe bedrohlich wirkt das Ensemble, unterstützt vom Opern- und Extrachor des Landestheaters Neustrelitz, als es schon anfangs in einer Linie an der Rampe singt, die Augen aufsperrt, das Publikum anschaut und es ansingt. Gefühle und Liebe können bisweilen angsteinflößend sein.
„La Traviata“, also die vom Weg Abgekommene, kann brutal sein – ja muss sie sogar. Rebekah Rota als schwindsüchtige Amüsierdame Violetta scheint besoffen von dieser unbändigen Lust aufs Leben und auf die Liebe. Sie ist niedergeschmettert und überwältigt. Während sich ihr Leiden im ersten Teil auf den üblichen Migräne-Griff beschränkt, zeigt sie im zweiten Teil ihr komplettes schauspielerisches Repertoire, was der Figur Echtheit verleiht. Gesanglich präsentiert sich Rota gerade in den Arien top. Sie beherrscht alle Koloraturen. Selbst die leisen Töne gestaltet sie traumschwelgerisch gedämpft. Man würde gerne mehr davon hören.
Natürlich zirkuliert in der „Traviata“ alles um Violetta. Dann und wann fragt sich der Zuschauer jedoch, ob sich nicht Liebhaber Alfredo dermaßen freispielt und die Szenerie überstrahlt, dass er zur wahren Hauptfigur gerät. Es mag gar keine Absicht von Fabian von Matt sein. Vielmehr liegt es an Sangmin Jeon. Dieser Südkoreaner – aber hallo!
Heillos verliebt taumelt sein Alfredo über die Bühne. Vor seinen Augen scheinen Herzchen aufzuploppen und er vergisst die Welt um sich herum. Gott, ja, wer war nicht schon einmal in diesem Zustand? Ein Traum, wie Jeon mit einem Lächeln im Gesicht und zugleich so niedergeschmettert von der Realität spielt. So sehr, wie das Publikum im einen Moment mit ihm in die Luft springen möchte, so sehr zerreißt es einem das Herz, wenn er sich von seiner Verehrten verabschieden muss. Wenn er „Oh Gott, in welcher Traumwelt war ich bis heut’ gefangen“ singt, dann dürfte es um die letzte Eisprinzessin und den letzten harten Machokerl im Zuschauerraum geschehen sein. Einfach atemraubend.
Violettas Kampf für die Liebe dauert bis zuletzt
Man mag dieser hoffnungslosen Liebe beim Sterben fast nicht zuschauen. Es tut halt so weh. Kein Wunder, dass Ryszard Kalus als Doktor Grenvil so schön schmerzverzerrt schaut, wenn Violetta in seinen Armen schwach und schwächer wird. Von vorne bis hinten ist alles dem Tode geweiht. Alles verlogen. Die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern ungerecht. Diese unerträgliche Unterdrückung der Frau durch Alfredos Vater Giorgio Germont (statisch: Robert Merwald). Dieses lange Dahinsiechen dieser schönen Frau, die sich ihrer prächtigen Robe entledigt, die an einem Kleiderbügel schon einmal gen Himmel fährt. Ihre roten Lippen, die fahl werden. In einem glanzlosen Morgenrock kämpft sie noch ein allerletztes Mal um ihren Alfredo. Ein letztes Zucken. Zu mehr reicht die Kraft nicht mehr. Für die Liebe hat sie alles getan. Dann bricht sie zusammen.
Tot. Tränen. Aus.

Musikalische Leitung Jörg Pitschmann  |  Regie: Fabian von Matt  |  Ausstattung Stefan Heinrichs  |  Chorleitung Dr. Gotthard Franke  |  Dramaturgie Lür Jaenike  |  MIT: Gabriele Borowy| Marion Costa| Sangmin Jeon| Ryszard Kalus| Bernd Könnes| Robert Merwald| Sebastian Naglatzki| Angelo Raciti| Rebekah Rota| Mario Thomann | Neubrandenburger Philharmonie | Opernchor des Landestheaters, davon solistisch: Ramin Varzandeh, Andreas Hartig / Lothar Dreyer | Extrachor und Statisterie des Landestheaters