REPERTOIRE   Spielzeit 2017/2018
Die acht Frauen | Stückbeschreibung | Presse

Nordkurier / Kultur
Mo 23.02.2015
Vorsicht, Zickenalarm! von Marcel Auermann

Oh là là! „Die acht Frauen“ haben es in sich. Das Stück ist nicht nur spannend, sondern auch chaotisch und herrlich komisch. Marcel Auermann schlägt die verschiedenen Kapitel der Kriminalkomödie auf, die in Neubrandenburg Premiere feierte.
Eben noch rieselt der Kunstschnee von der Decke, wabert der Nebel bis hinunter in die erste Reihe und der Zuschauer glaubt, den Frost an den Füßen zu spüren. Mit ein paar Drehungen verwandelt sich die Kulisse von der französischen Landidylle in einen herrschaftlichen Salon mit Kronleuchter, feinstem Porzellan, samtbezogenen Schemeln und gemütlicher Récamiere. Die Wände in Grau gehalten. Darauf Bilder von Messern, neugierigen Gesichtern mit noch neugierigeren Blicken, die die ganze Krimiszenerie beobachten. Was für ein schönes Bühnenbild von Anita Fuchs! Hier wird das Auge des Neubrandenburger Theaterliebhabers richtig verwöhnt, ist er doch sonst oft nur plumpe Pressspanplatten gewohnt. Also wer hier nicht in das Savoir Vivre unserer Nachbarn eintaucht!
Handlung
Die Träumereien vergehen dem Zuschauer recht schnell. Keine vier Minuten und ein schriller Schrei gellt über die Bühne. Wen wundert’s, wenn sich „Acht Frauen“, wie zur Premiere am vergangenen Wochenende in Neubrandenburg, auf der Bühne versammeln? Eine zickiger, exaltierter, extrovertierter, korrupter, skrupelloser als die andere. Dabei gilt doch der Grundsatz: Wo eine Diva ist, kann keine zweite sein, weil eine alle anderen überstrahlt – und es für die Umwelt einfach auch nicht zu ertragen wäre. Hier nun also die achtfache Dosis. Hilfe! Was da auf der Bühne los ist!
Doch warum nun eigentlich dieser Schrei? Gut, manche Frau benötigt dazu keinen besonderen Anlass. In der Kriminalkomödie von Robert Thomas gibt es durchaus einen triftigen Grund: Hausherr Marcel liegt, ein Messer im Rücken, in seinem Blut. Nachdem der Schnee die Damen von der Außenwelt abgeschnitten hat und das Telefonkabel gekappt ist, dämmert den Grazien, dass der Mörder, besser: die Mörderin, nur mitten unter ihnen sein kann. In einem Strudel der Anwürfe, Handgreiflichkeiten, Verstrickungen, Sexspielchen und Gehässigkeiten tut sich ein tiefer Abgrund der angeblich so gehobenen Gesellschaft auf. Dabei fällt eine Maske nach der anderen.
Die acht Frauen
• Schwiegermutter Mamy
Beate Biermann musste sicher vor der Premiere einen Führerschein für den Elektrorollstuhl machen. Wie sie mit diesem Gefährt vom einen zum anderen Ende der Bühne knattert, gehört verboten. Als sie dann quietschfidel aufspringt und die Heilung ihrer Beine als ein Weihnachtswunder verkauft, gehören die Lacher ihr. Leider tut sie sich mit dem Text schwer. Viele Passagen wirken ziemlich vorgelesen und heruntergeleiert, schlecht betont und mit wenig Verve vorgetragen, was der schrulligen Mamy mächtig Schmackes nimmt.
• Gaby, die Dame des Hauses
Karin Hartmann ist (mal wieder) eine Schau. Sie zischt die fiesen Bemerkungen („Ich bin schön und reich, sie ist hässlich und arm“) nur so beiseite. Ihre Blicke können töten. In besonders spannenden Situationen arbeitet Regisseurin Rosmarie Vogtenhuber mit Frontallicht. Dann müssen die Zuschauer Hartmann ins Gesicht schauen. Diese Mimik – unbeschreiblich.
• Augustine, Gabys Schwester
Es ist die Rolle des Kriminalstückes. Die Figur ergibt sich allein durch das Buch und die Dialoge. Augustine ist eine tantenhafte, stocksteife, nordisch-kühle, oberlehrerhafte Jungfrau mit Brille, Marke Kassengestell. Lisa Voß brilliert mit diesem Charakter. Sie überstrahlt das Ensemble. Sie zieht Schnuten, dass der Zuschauer vor Lachen nicht mehr aufhören kann. Sie benimmt sich so völlig übertrieben und herrlich etepetete. Sie schnattert wie ein Maschinengewehr und zeigt sich zugleich so wehleidig und hypochondrisch. Lisa Voß ist der Star des Abends. Liebe Regisseure, gebt dieser Frau mehr Rollen, in denen sie ihre Bandbreite ausspielt.
• Dienstmädchen Louise
Juliane Botsch steht das Luder, das Marcel zu „Orgasmen wie nie zuvor“ brachte. Wenn sie erst einmal ihren strengen Dutt, der wie eine Festung auf ihrem Kopf thront, aufmacht und ihre Haare wallen, gerät sicher auch das Blut der Männer im Saal in Wallung. Oh là là, sagt der Franzose in solch pikanten Situationen.
• Pierrette
Paola Brandenburg ist eine Erscheinung, das kommt ihr in der Rolle der verruchten Pierrette zupass. Allein durch ihre Größe wirkt es, wenn sie in ihrem roten, engen Kleid lasziv umherschlendert. Sie legt ihre Figur vielschichtig an, verkörpert einerseits die ehemalige Nackttänzerin, andererseits die leicht Verletzliche, die Nähe sucht, und sei es durch einen innigen Kuss mit Gaby. Paola Brandenburg ist dem Neubrandenburger Publikum noch neu, doch sie dürfte sich in weiteren Rollen und Stücken gut machen.
• Suzon, Gabys ältere Tochter
Laura Bettinger kann als Suzon ja soooo unschuldig gucken, so süß verträumt in die Gegend starren.
• Catherine, Gabys jüngere Tochter
Catherine ist als burschikose, flippige Frau angelegt. Kathrin Horodynski agiert vielmehr als Göre im Schlafanzug, wenn sie neben den anderen starken Charakteren überhaupt zur Geltung kommt. Überhaupt behandelt Regisseurin Rosmarie Vogtenhuber Catherine etwas stiefmütterlich.
• Madame Chanel
Martina Block als gutmütige Köchin möchte man einfach nur herzen. Obwohl es sich nur um eine Nebenrolle handelt, legt sie viel Liebe in die Ausgestaltung. Die Warmherzigkeit ihres Charakters springt bis ins Publikum.
Das größte Problem
Bei „Acht Frauen“ handelt es sich um einen wunderbaren Weihnachtskrimi, der wenige Tage vor Heiligabend spielt, und eine schöne, kuschelige Atmosphäre mit ein bisschen Gruseln schafft. Das Neubrandenburger Theater rückt das Stück kurz vor dem Beginn des Frühjahrs auf den Spielplan. Irgendetwas stimmt hier nicht. Ein perfekt ausgearbeiteter Spielplan beachtet auch solche Kleinigkeiten.

Regie Rosmarie Vogtenhuber Dramaturgie Katrin Kramer mit Beate Biermann| Karin Hartmann| Lisa Voß | Martina Block | Laura Bettinger, Paola Brandenburg, Kathrin Horodynski, Annika Kleinke, Reinhard Schwarz