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Leben des Galilei | Stückbeschreibung | Presse
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Nordkurier / Kultur
Mo 27.10.2014
Das triste Leben des Galilei von Marcel Auermann

Die neue Inszenierung am Neustrelitzer Landestheater kommt ohne viel Schnickschnack daher. Leider wirkte die Premiere dadurch an einigen Stellen sonderbar leblos.

Regisseur Jürgen Kern macht es dem Zuschauer nicht einfach, das „Leben des Galilei“ zu mögen. Alles so trist, alles so reduziert, alles so schlicht, alles so karg. Die roten Kutten der Kirchenvertreter sind das bunteste, was diese Inszenierung zu bieten hat. Das kann man lieben. Dann nichts wie rein in die neue Produktion, die am Wochenende Premiere hatte. Doch gerade solche recht behäbigen Aufführungen dürften dazu beitragen, weshalb mancher Schüler die Nase rümpft, wenn Bertolt Brechts Theaterklassiker auf dem Lehrplan steht. Von Hause aus präsentiert er sich – sagen wir mal – nicht gerade saftig. Man verschlingt ihn nicht, beißt sich eher durch.
Die Neustrelitzer Version plätschert so dahin, orientiert sich sklavisch genau an der Vorlage. Kaum Veränderungen, kaum Neuigkeiten, keine Experimente duldet dieser Galilei. Also gerade das Gegenteil von dem, für was das Stück eigentlich steht. Dass der Zuschauer dennoch nicht gelangweilt ist, mag an der Hoffnung liegen, da käme doch noch irgendwo ein Kracher, eine Improvisation, eine neue Wendung um die Ecke. Aber: nee, nee. Hier wird nicht ins Jetzt und Heute übertragen, obwohl die Wissenschaft noch immens viel mehr kann als damals. Der Grundkonflikt zwischen Glaube und Vernunft, zwischen Forschung und Kirche könnte eine noch größere Rolle spielen. Die Frage nach der gesellschaftlichen Verantwortung ließe sich ins Unermessliche steigern.
Eindeutige Positionierung des Regisseurs bleibt aus
Kurz zum Inhalt: Das Stück erzählt von Physiker Galileo Galilei, der mit Hilfe eines eigens entworfenen Fernrohrs entdeckt hat, dass sich die Erde um die Sonne dreht, und nicht umgekehrt. Das bringt ihm bei den Geistlichen keine Freunde und er muss um sein Leben bangen, schwört er dieser Theorie nicht ab.
Sicher zeigt Kerns Inszenierung, wie verlogen der Klerus durch die Welt wandelt. Doch Theater heißt auch, eindeutig Stellung zu beziehen, sich etwas zu wagen, ein Fingerzeig zu geben. Das vermisst der Zuschauer.
Die Verbohrtheit der Kirche, die stets Neuerungen ablehnt, die nur dem Alten zugewandt ist, das absichtliche Verschließen der Augen vor der Realität – das anzuprangern war Brecht immer ein Anliegen. Die über Jahre gefestigte Position der Kirche ins Wanken zu bringen und dies wie durch ein Fernglas noch näher heranzuzoomen, noch mehr in den Fokus zu rücken, gehört gerade beim „Leben des Galilei“ zu den Hauptaufgaben des Regisseurs. Doch wo bleibt all das?
Kein Wunder, dass das 21-köpfige (!) Ensemble nur mit angezogener Handbremse agieren darf. Wie schade. Da freut es den Zuschauer umso mehr, dass einzelne Figurenkonstellationen äußerst gut gelungen sind. Alexander Höchsts Galileo Galilei sieht man die Verzweiflung an. Das Stück über bekommt er immer dunklere Augenränder und dennoch glaubt er unerschütterlich an den Sieg der Vernunft. Die Wissenschaft allen, egal welchen Standes, zugänglich zu machen ist ihm eine Herzensangelegenheit. Das spielt Höchst versessen und dann wieder ganz gelassen. Wirklich toll. Fast rührig und wie ein Vater kümmert er sich um Andrea (Johannes Emmrich wandlungsfähig innerhalb einer einzigen Rolle), den Sohn seiner Haushälterin. Die eigene Tochter Virginia (Lisa Voß diesmal als graues Mäuschen) lässt ihn hingegen kalt.
Was sonst noch bleibt? Ein karges Bild, einzig getragen von einer wuchtigen Treppe aus Pressholz. Schauspieler, die hauptsächlich in der Tiefe der Bühne spielen und deshalb akustisch teilweise kaum zu verstehen sind. Dieser Galilei ist also weit davon entfernt, die (Theater-)Welt aus den Angeln zu heben.


Nordkurier / Kultur
Sa 25.10.2014
Lebenslustiger Galileo Galilei völlig ohne Schnickschnack von Matthias Diekhoff

Das „Leben des Galilei“ von Bertold Brecht gilt mittlerweile als echter Theater-Klassiker. Das bedeutet aber nicht, das Stück wäre angestaubt. Aktuell ist der Text immer noch, meint der Regisseur: Die Inquisition gibt es wieder — nur heißt sie heute anders.

Galileo Galilei (Schauspieler Alexander Höchst; Bildmitte) ist fest davon überzeugt: Die Erde dreht sich doch. Aber weder Physiker noch Kleriker wollen das glauben.
„Die Menschen zweifeln zu wenig“, findet Jürgen Kern. Das würde er gerne ändern. Wenigstens ein bisschen. Auch wenn der bekannte Regisseur weiß, dass Theater die Welt nicht wirklich verändern kann, so kann und sollte es doch wenigstens unterhalten und nachdenklich machen. Und dass das Stück „Leben des Galilei“, das am Samstagabend im Landestheater Neustrelitz Premiere feiert, das Zeug dazu hat, davon ist Jürgen Kern ebenfalls überzeugt. Das Schauspiel von Bertold Brecht zeigt das Leben des genialen, wenn auch chronisch klammen, Physikers in verschiedenen Bildern und geht dabei der Frage nach, welche Verantwortung Wissenschaftler gegenüber ihren Erfindungen haben.
Galileo Galilei als lebensfroher Mensch
Das Ganze gipfelt in der Aussage, dass der technische Fortschritt die Menschheit an sich überhaupt nicht voranbringt. Als im wörtlichen Sinne nahe liegendes Beispiel dafür dürfte die Heeresversuchsanstalt Peenemünde auf Usedom gelten, wo an modernster Raketentechnologie geforscht wurde, um Menschen den Tod zu bringen.
Dass das Publikum über dieser Erkenntnis in Verzweiflung versinkt, möchte Jürgen Kern allerdings auch nicht. Er will Galileo Galilei eher als einen lebensfrohen Menschen zeigen, mit seinen Stärken und Schwächen, und zwar so, wie es Bertold Brecht beabsichtigt hatte, ganz ohne jeden modernen Schnickschnack. Denn der ursprüngliche Text sei modern und stark genug. Den könne man nicht verbessern, sagt Jürgen Kern. Auf ein Podest stellen möchte er den Dramatiker allerdings auch nicht, eher ihn von da herunterholen und zu den Menschen bringen. Am meisten freue es ihn, wenn Zuschauer nach der Vorstellung zu ihm kämen, und sagten, sie hätten alles verstanden und es sei wirklich interessant gewesen, sagt der Regisseur.
Dabei staune er oft selbst, was das Publikum aus den Stücken herausliest. Einmal habe er das Drama „Maria Stuart“ inszeniert, worin einige ganz klar Angela Merkel und den ehemaligen Minister Karl-Theodor zu Guttenberg erkannt haben wollten. Aber Jürgen Kern hebt amüsiert die Hände: „Ich habe Schiller nicht umgeschrieben.“
Das Gleiche gelte für Brecht. Nie käme er darauf, sich über so einen Text zu erheben. Daher werde es auch im Galilei keine aktuellen Bezüge geben, außer natürlich der Haltung der Figuren. Denn das Stück mag zwar im 17. Jahrhundert spielen und vor über 70 Jahren geschrieben worden sein. Wie sich Menschen in gewissen Situationen verhalten, habe sich jedoch nicht verändert. Und die Widrigkeiten, mit denen sie zu kämpfen hätten, seien eigentlich auch immer ähnlich. Nur die Namen änderten sich. Was bei Galilei noch die Inquisition war, hieß später Stasi und ist heute vielleicht die NSA.

Regie: Jürgen Kern  |  Ausstattung Alexander Martynow  |  Dramaturgie Katrin Kramer  |  MIT: Beate Biermann| Johannes Emmrich| Michael Goralczyk| Alexander Höchst| Sven Jenkel| Michael Kleinert| Thomas Pötzsch| Fabian Quast| Lisa Voß| Isolde Wabra | Jana Ulrich, Lothar Missuweit | Mitglieder des Nikolaus-Club | Kind: Luis Becker/Mathis Havemann