REPERTOIRE   Rückschau
Die lustige Witwe | Stückbeschreibung | Presse
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Nordkurier / Kultur
Mo 20.10.2014
Diese lustige Witwe reißt das Publikum von den Sitzen von Frank Wilhelm

„Die lustige Witwe“ von Franz Lehar ist eine der bekanntesten Operetten. Sie verspricht zwar nicht besonders viel Tiefgang, dafür aber jede Menge Vergnügen. Für den Spaß in der Neustrelitzer Inszenierung sorgt ausgerechnet eine der Nebenrollen.
Wer hätte das gedacht. Ausgerechnet Dieter Köplin, immerhin künstlerischer Betriebsdirektor, spielt die besten Diener am Landestheater Neustrelitz. Schon bei den Festspielen im Schlossgarten brillierte er mehrfach als Stuhl-Träger für die feinen Herrschaften. Bei der Neuinszenierung der Operette „Die lustige Witwe“ krönte er sich selbst. Von der Maske mit einer verrückten Haartracht ausgestattet, spielte er einen grandiosen Kanzlisten Njegus. Der wirkt natürlich nur auf den ersten Blick vertrottelt. Im Zweifel ist er der Einzige, der das verwirrende Treiben am Hofe von Baron Mirko Zeta im Phantasia-Staat Pontevedrio durchschaut.
Verbeugung vor Maestro Franz Lehar
Ehe wir das Ensemble loben, gebührt Maestro Franz Lehar eine Verbeugung. Immerhin ist der Mann schon seit 66 Jahren tot, seine „Witwe“ erlebte vor fast
110 Jahren ihre Uraufführung. Trotzdem wirken Sprache und Melodien wunderbar modern. Die Klassiker dieser Operette wie „Lippen schweigen“ oder „Ja, das Studium dieser Weiber ist schwer“ gehören längst zum Repertoire der Weltmusik und gelten im besten Sinne des Wortes als Ohrwürmer.
Und wer hätte gedacht, dass folgendes, in vielen Abwandlungen existierende Macho-Bonmot aus Lehars Feder stammt: „Graf, mir fehlen die Worte.“ – „Gott erhalte Sie in diesem Zustand. Adieu Madame.“
Strahlende Marion Costa
Apropos Madame: Marion Costa, die die millionenschwere Witwe Hanna Glawari gibt, strahlt eine unheimliche Präsenz aus auf der Bühne des Landestheaters. Augenscheinlich wurde das, als sie, hochgezogen auf einem künstlichen Halbmond, das anrührende Vilja-Lied sang, untermalt vom Tanz des Waldmägdeleins – ein hübscher Regieeinfall. Doch Marion Costa brillierte nicht nur durch ihren Gesang, beeindruckend vor allem auch ihre schauspielerische Leistung – ihre Mimik und Gestik im amüsanten Wechselspiel mit dem Grafen Danilo Danilowitsch, gespielt von Robert Merwald. Der hatte es angesichts der Klasse der Costa schwer, sich als Lebemann an ihrer Seite zu behaupten.
Viel inhaltlichen Tiefgang braucht der Zuschauer von der „Lustigen Witwe“ nicht zu erwarten. Dafür aber herrliche Musik und eine opulente Handlung.
Glänzende Musiker im dunklen Orchestergraben
Für Ersteres sorgte die Neubrandenburger Philharmonie. Die mehr als 30 Musiker haben einen eher undankbaren Job. Unsichtbar im dunklen Graben sitzend liefern sie aber den hochwertigen Klangteppich, der die Operette trägt. Unter der musikalischen Leitung von Jörg Pitschmann spielten sie wieder einmal punktgenau mit Sängern und Tänzern zusammen. Kein Wunder, dass der Funke schon im ersten Akt aufs Publikum übersprang, das fortan fast nach jeder Gesangsnummer dankbaren Beifall spendete.
Insbesondere auch dem Neuling im Neustrelitzer Musiktheater-Ensemble, dem aus Südkorea stammenden Sangmin Jeon. In den Duetten mit der als Valencienne bezaubernden Margret Giglinger beeindruckte er durch seine klare und kräftige Stimme. An ihm dürfte das Musiktheater-Publikum noch viel Freude haben.
Schließlich muss auch Bernd Könnes herausgehoben werden. Nach dem Fürsten Basilowitsch im „Graf von Luxemburg“ im Schlossgarten 2014, interpretiert er diesmal mit seinem gewaltigen Tenor den Baron Mirko Zeta. Tanzkompanie und Opernchor rundeten das bunte Kostümfestival ab. Der minutenlange Beifall des Premierenpublikums war mehr als verdient.


Nordkurier / Kultur
Do 16.10.2014
Jetzt kommt die lustige Witwe! von Frank Wilhelm

Operette gegen den Reform-Frust

Operndirektor Wolfgang Lachnitt inszeniert in Neustrelitz die berühmte Lehar-Operette bereits zum fünften Mal. Man könnte meinen, das würde langweilig. Doch ist das wirklich so?
Wolfgang Lachnitt muss lachen. Er ist nicht mehr zu bremsen, wenn er über Franz Lehars Operette spricht, die er derzeit am Landestheater in Neustrelitz probt. Zuletzt hatte der Operndirektor mit 34 Jahren Musiktheater-Erfahrung das flotte Stück 2005 in Zwickau inszeniert. Die Neustrelitzer Fassung, die am Sonnabend Premiere feiert, ist bereits seine fünfte „Lustige Witwe“.
Langweilig? Lachnitt schüttelt den Kopf: „Ich bin immer wieder aufs Neue von der Musik und der grandiosen Dramatik dieser Lehar-Operette begeistert“, schwärmt er, während er ein waches Auge auf die Probe auf der großen Bühne hat. Heute spielen das Orchester im Graben sowie das Ensemble von Sängern und Tänzern erstmals gemeinsam. Da ist noch viel Feinabstimmung vonnöten. Immer wieder unterbricht Jörg Pitschmann, der am Pult steht, die Musiker. Hier wird noch an einem Takt gefeilt, dort noch eine Passage beschleunigt. Die Sänger treten in zivil auf.
Typisches Intrigenspiel? Nicht ganz!
Die Kurzversion der Handlung: Der fiktive Balkanstaat Pontevedro steht kurz vor dem finanziellen Ruin. Der Bankrott kann nur mit einer Heirat der millionenschweren Witwe Hanna Glawari mit ihrem Landsmann Graf Danilo Danilowitsch abgewendet werden. Aber die beiden hatten schon vor Jahren ein Verhältnis, was kaum jemand weiß. Das klingt nach einem typisch operettenhaften Intrigenspiel, bei dem am Ende alles gut ausgeht.
Doch „Die lustige Witwe“ bietet einige Besonderheiten, sagt Lachnitt. So lässt Lehar das traditionelle Finale vor der Pause ausfallen. Dafür schenkt er den Tänzern einen großen Auftritt. Ebenfalls ungewöhnlich: Zum Hauptduett treffen sich Hanna und Danilo erst im dritten Akt.
Positives Zeichen in Sachen Theaterreform
Für den Operndirektor steht fest, dass er mit jeder Inszenierung auch ein positives Zeichen in Sachen Theaterreform setzen will. Das vom Kultusministerium beauftragte Institut Metrum schlägt bekanntlich vor, den Standort Neustrelitz auf die Sparte Musical und Operette abzuschmelzen. Schauspiel und Oper müssten „importiert“ werden. Lachnitt warnt: Jede Reduzierung würde Streichungen im Angebot nach sich ziehen. Er wirbt lieber mit Erfolgen: Mit geringerem finanziellen Aufwand habe das Musiktheater in den vergangenen zwei Spielzeiten 6000 Zuschauer mehr angelockt. Die Festspiele im Sommer mit dem „Graf von Luxemburg“ liefen erstmals kostendeckend.

Musikalische Leitung Jörg Pitschmann  |  Regie Wolfgang Lachnitt  |  Ausstattung Bernd Franke  |  Chorleitung Dr. Gotthard Franke  |  Choreographie Kirsten Hocke  |  Dramaturgie Lür Jaenike  |  MIT: Marion Costa| Sangmin Jeon| Ryszard Kalus| Lena Kutzner| Bernd Könnes| Robert Merwald| Sebastian Naglatzki| Angelo Raciti| Mario Thomann | Dieter Köplin| Hannelore Richter | Margret Giglinger | Opernchor und Extrachor des Landestheaters | Neubrandenburger Philharmonie | Deutsche Tanzkompanie Neustrelitz | Statisterie des Landestheaters