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Madame Butterfly | Stückbeschreibung | Presse
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Nordkurier / Kultur
So 11.05.2014
Madame Butterfly erweckt Schmetterlinge im Bauch von Marcel Auermann

Wenn der Zuschauer zweidreiviertel Stunden nicht mehr aus dem Staunen herauskommt, dann ist klar: Die italienische Liebestragödie „Madame Butterfly“, für die sich in Neustrelitz der Premierenvorhang hob, ist mehr als gelungen. Und zwar aus vielerlei Gründen.
Ist es Kino? Ist es Film? Ist es Show? Ist es Fernsehen? Nein, es ist – und zwar nicht nur –, es ist Theater, um genauer zu sein: Oper! Viele trauen sich ja an diese doch schwerere Gattung des Kulturbetriebs nur zaghaft heran. Die Musik ist für manchen etwas zu grell. Die Geschichten deshalb nur schwer nachvollziehbar. Und eben viel zu alt, zu angestaubt, zu unmodern. Diese Vorurteile sollte der Zuschauer ganz fix löschen und sich Giacomo Puccinis „Madame Butterfly“, die am Wochenende Premiere feierte, anschauen. Regisseur Jürgen Pöckel schafft mit seiner Inszenierung eine lange im Nordosten nicht mehr dagewesene Opulenz und hebt dadurch das im 19. Jahrhundert entstandene Stück in die Moderne. Kein Wunder also, dass sich so viele Jugendliche und junge Zuschauer im Publikum wiederfinden. Was also macht die Anziehung dieser Inszenierung aus?

Die Details im Überblick:
Handlung
Der in Nagasaki stationierte amerikanische Leutnant Pinkerton (bei Alexander Gellers Liebesduetten läuft es einem eiskalt den Rücken hinunter) heiratet die Geisha Cho-Cho-San (Soojin Moon kehrt ihre Gefühlswelt nach außen). Doch schon in seinen Aussagen wird klar, dass keine echte Liebe dahintersteckt. Alles „just for fun“ sozusagen. Alles nur verlogen und von vornherein nicht auf die Ewigkeit angelegt. „Ich warte auf den Tag, an dem ich eine echte Amerikanerin heirate“, erklärt der Marineoffizier noch ganz stolz seine eiskalte Berechnung. Eine packende, über die Jahrhunderte stets aktuelle und ergreifende Geschichte.
Bühnenbild
Die Inszenierung schafft etwas scheinbar Unvereinbares. Die Kulissen bestehen nur aus schwarzen und weißen Dekoteilen. Was an sich eher trist daherkommt, entwickelt jedoch durch den gekonnten Einsatz von farbigem Licht eine unglaubliche Anziehungskraft. Das satte Blau des Himmels, das Honiggelb des Frühlings, aber auch das bedrohende Kirschrot nach dem Suizid von Cho-Cho-San wirken umso kräftiger als auf einer Bühne, auf der sowieso schon üppige Farben vorherrschen. Das besitzt Eleganz. Auch die Boote, die hoch wogenden Wellen im Hintergrund – alles in Weiß gehalten – schwappen in feiner japanischer Origami-Papierfaltkunst über die Rampe direkt in die Publikumsreihen. Dazu schneit es im einen Moment und im nächsten regnet‘s weiße und rote Rosenblätter. Der Zuschauer kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ständig tut sich was auf der Bühne, ständig fahren Kulissen von oben nach unten und von unten nach oben, herrscht ein mächtiges Gewusel. Langweilig wird’s nie.
Kostüme
Natürlich tapsen die Damen alle in Kimonos und Holzklocks über die Bühne. Die Kleider in unzähligen Falten und Schichten, Formen und Farben schmiegen sich in die kraftvolle Musik ein. Jedes einzelne Stück ist ein Blick wert. Die seidigen Teile mit ihren Ornamenten und Stickereien erzählen eine eigene Geschichte. Dennoch besteht keine Kitsch-Gefahr. Die mit Bedacht ausgewählten, schön fallenden Kleider stehen für die umschmeichelnde Liebe und den Schutz und die Geborgenheit. So wird klar, wieso Cho-Cho-San im zweiten Akt nur noch in einer Art schwarzem Jogginganzug fläzend im Stuhl sitzt: Ihre Weltordnung, ihre Liebe und damit ihr Leben gingen verloren.
Der schönste Moment
Nie mehr danach liegt so viel Liebe in der Luft wie in der Hochzeitsnacht von Pinkerton und Madame Butterfly. Die beiden gestehen sich in innigem Gesang ihre Gefühle. Dabei wirken die sonst oft forschen Stimmen karamellig, schmelzend, wohltuend. Beide umgarnen sich, sind sich nahe und dann doch wieder so fern. Die Szenen spielen mit Anziehung und Abstoßung, mit Verlangen und Sehnsucht. Ja vielleicht wünschen sich die beiden auch einfach nur die sexuelle Verschmelzung – dennoch bleibt der erste Kuss der beiden nur ein Wunsch. Mehr als eine Umarmung gönnt der Regisseur dem Liebespaar nicht.
Witzige Elemente
Ob bewusst oder unbewusst mutet Onkel Priester (Ryszard Klaus) wie ein Klingone an, der mit einem Leuchtschwert gegen die Liebe der beiden Protagonisten ankämpft.
Andrés Felipe Orozco spielt seinen Goro als herrlich fiesen Unsympath. Arrogant und hochnäsig wandelt er weiß geschminkt und mit Dutt durch die Kulissen und spinnt die Fäden. Dazu besitzt Orozco eine unglaublich füllige, wuchtige Stimme, die vor allem in seinen Soli zum Tragen kommt.
Fazit
Was für ein gelungener Opernabend voller bunter Impressionen und überwältigender Gefühle!


Nordkurier / Kultur
Fr 09.05.2014
Lassen Sie uns über Liebe reden! von Marcel Auermann

Die Zuneigung von „Madame Butterfly“ ist bedingungslos. Sie verspricht sich voll und ganz einem amerikanischen Leutnant. Diesen Samstag hebt sich in Neustrelitz erstmals der Vorhang für die italienische Tragödie. Ein guter Anlass, um mit Regisseur Jürgen Pöckel über Liebe zu sprechen. Marcel Auermann gab er Einblicke in sein Gefühlsleben.

Wann waren Sie zum letzten Mal verliebt?
Das ist ein schwieriges Thema, deshalb möchte ich es im Bezug zur Bühne erläutern. Wir als Regisseure und Schauspieler inszenieren nicht unser Privatleben auf der Bühne, sondern das sind Geschichten über Liebe, Tod und das ganze Leben. Das schöpft man zum Teil aus eigenen Erfahrungen, aber es ist natürlich auch viel Fantasie dabei.
Was bedeutet Ihnen Liebe?
Es ist die Quintessenz unseres Lebens. Ohne sie geht es nicht. Ohne sie ist keine Kunst denkbar. Sie begegnet uns in so vielen schönen Variationen. Übrigens auch zwischen meinen Kollegen, also den Darstellern, und mir. Ich liebe mein Ensemble. Ich glaube, dass man als Regisseur immer auf eine spezielle Art und Weise verliebt ist. Es ist kein Begehren, aber dass man eben den Menschen in seiner künstlerischen Ausdrucksform liebhaben muss, um ihn durch ein Stück zu führen. Das ermöglicht erst unsere Arbeit.
Was machen Sie, wenn Sie auf ein Ensemble treffen, in dem Sie vielleicht nur einen einzigen nicht lieben, nicht mögen können?
Ist mir noch nie passiert und wird mir auch nie passieren, weil ich eine große Offenheit habe. Darsteller sind für mich auch Medien, Ich muss an diesen Kern der Person kommen, wo mich die Seele dieses Menschen berührt. Sonst kann ich nicht mit ihm arbeiten. Dann müsste ich ihn ausklammern. Keine Ahnung was passieren würde, wenn dieser Fall eintreten würde.
Wie können Sie sich öffnen, wenn Sie im ersten Augenblick mit einem Kollegen nichts anfangen können?
Das ist sogar in einer Beziehung möglich, selbst wenn es Stress oder negative Energien gibt. Tatsächlich ist das eine Arbeit, die ich immer wieder neu vollziehe. Mir gelingt es, indem ich einen Menschen entdecke. Theaterarbeit ist etwas derart Intensives, Komprimiertes, dass man sich so sehr nahe kommt wie es andere Menschen mit ihren Kollegen nicht erleben.
Welchen Stellenwert besitzt Liebe für Sie?
Wir werden geboren, lieben, sterben. Das sind Erfahrungswerte, die jeder Mensch macht. In einem Theaterstück findet die Liebe Wege, die wir vielleicht in dieser Form nicht so erleben. Dadurch wird aber die Geschichte erst außerordentlich, dramatisch und spannend.
Ist Liebe nicht so vielschichtig, so schön, so verletzend, dass sie durchaus so positiv wie auch negativ überwältigend sein kann wie in den herrlichsten Schnulzen?
Das mag sein. In „Madame Butterfly“ sind es jedoch Extremerfahrungen, die ich nicht gemacht habe und hoffentlich nie machen muss. In solchen Situationen muss man sich als Regisseur Türen öffnen, um in solche Bereiche Einblicke zu erhalten.
Wie machen Sie das?
Durch Lesen, durch selbst Gesehenes, durch Einfühlungsvermögen, durch Theatererlebnisse.
Sie sagten, dass Kunst ohne Liebe nicht denkbar ist. Viele Stücke sind aber aus Hass heraus entstanden.
Hass ist aber immer eine Gegenreaktion von Liebe oder auf nicht erhaltene Liebe. Nur wer liebt, kann auch hassen.
Wie intensiv ist die Arbeit für Sie an einem Liebesdrama wie „Madame Butterfly“?
Die ist sehr aufwühlend. Aber auch da spielt Disziplin eine große Rolle. Dass man die Emotionen aushält, mit ihnen vernünftig umgeht. Das ist meiner Meinung nach auch in einer Beziehung so. Man kann sich so lieben, dass man verbrennt. Ich mag die Darsteller, die einen Rest Selbstkontrolle behalten. Die Leute, die hemmungslos Tür und Tor öffnen, sind meist nicht die besten Darsteller.
Sie reden sehr kontrolliert über diese starken Gefühle.
Ich bin nicht 25. Ich bin ein Mittvierziger. Da hat man Lebenserfahrung, Narben. Im Privatleben bin ich nicht abgeklärt. Bei der Arbeit versuche ich, diszipliniert zu sein. Aber die Liebe, die ich für ein Stück, eine Inszenierung und für meine Darsteller empfinde, möchte ich gerne zeigen.
Wann haben Sie zum letzten Mal geweint?
Ich kann mich nicht erinnern. Ist schon lange her.

ML: Markus Baisch  |  Regie Jürgen Pöckel  |  Ausstattung Lena Brexendorff  |  Chorleitung Dr. Gotthard Franke  |  Dramaturgie Lür Jaenike  |  MIT: Yvonne Friedli | Alexander Geller | Ryszard Kalus| Lena Kutzner| Bernd Könnes| Robert Merwald| Soojin Moon | Andrés Felipe Orozco| Angelo Raciti | Anli Sasaki | Opernchor des Landestheaters, solistisch: Grit Kolpatzik, Markus Kopp, Andreas Hartig, Barbara Legiehn, Hyun-Kyung Kang, Verena Schuster | Lothar Dreyer | Kind: Hannes Robert Boldt / Maslon Richert | Neubrandenburger Philharmonie