REPERTOIRE   Rückschau
Romeo und Julia | Stückbeschreibung | Presse
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Nordkurier / Kultur
So 16.02.2014
Diese Liebe ist von Kitsch ziemlich weit entfernt von Marcel Auermann

Romantik? Fehlanzeige! „Romeo und Julia“ kämpfen um ihre Beziehung. Aber ihre Liebe scheint gar nicht erst zu entstehen. So richtig will bei der Premiere in Neustrelitz der Funken nicht überspringen.
„Romeo und Julia“ mit Joe Cockers „Summer In The City“ einzustimmen, passt zu den aufwallenden Gefühlen, die sich da sehr gerafft in nur wenigen Sommertagen und noch viel heißeren -nächten abspielen. Lateinamerikanische Rhythmen und Discomucke zum Maskenball bei den Capulets aufzulegen, das holt das Stück aus der muffigen Cembalo- und Zither-Ecke heraus.
Doch, doch Wolfgang Bordel hat an einigen Ecken Shakespeares Meisterstück ordentlich auf den Kopf gestellt. Das zeigt sich am deutlichsten, wenn er Mercutio, den Freund Romeos, in Mercutia verwandelt, die Amanda Fiedermann mit gestrengem Ton darstellt. Und man fragt sich: Was kann die Fiedermann eigentlich nicht? Sie entwickelt sich zum Allroundtalent, zu einer der Wandlungsfähigsten des Ensembles. Bravo!
Mercutia also. Sie muss, damit der Handlungsstrang dann nicht zu abstrus wirkt, in Tybalt (Tibor Oltyán als umschwärmter Mann), den Vetter Julias, verschossen sein. Das alles klingt spannend. Aber das Publikum erkennt keinen weiteren Sinn dahinter, außer, dass der Regisseur auf Biegen und Brechen dem Klassiker eine neue Note geben wollte. Das soll’s dann mit dem Neuartigen auch schon gewesen sein. Leider. Gerade die Hauptfiguren präsentieren sich stinknormal, völlig ohne Marotten. Mal davon abgesehen, dass Julia ständig schief auf ihrer Tuba bläst, dass der Zuschauer denkt: Neeeeein, bitte nicht schon wieder! Da sah man auf den Bühnen landauf, landab weitaus mutigere, verrücktere Ausarbeitungen dieser zwei Charaktere.
Altes und Neues passt nicht zusammen
Als es zur ersten Liebesnacht kommt, wartet Romeo im schwarzen Unterhemd, aus dem die Brusthaare quillen, auf seine Frau, die mit langer Schleppe hereinschwebt. Jetzt kann’s losgehen. Die beiden tänzeln wie zwei rollige Katzen. Die Szene mutet ein bisschen wie aus „Dirty Dancing“ an, als Johnny sein Baby zum Tanz auffordert. Erklänge jetzt „Time Of My Life“ – niemand würde sich wundern. Aber still bleibt’s im Hintergrund.
Immer wieder diese Brüche, die einfach nicht zusammengehen wollen. Als ob man sich nicht entscheiden konnte, ob man nun etwas völlig Neues schaffen möchte oder doch den Klassiker bietet. Hier das Moderne. Dort das Alte, der Rest der Truppe, der wie einst mit Degen um die Damen kämpft.
Oder Lady Capulet, die Mutter von Julia, die mit ihrer Maskerade völlig aus dem Rahmen fällt. Gott sei Dank. Karin Hartmann bringt Schwung, Pfiff, Spaß in die teilweise langatmige zweieinhalbstündige Vorstellung. Sie ist keine Lady im Sinne von fein und etepetete. Dieses Weib stampft auf den Boden, flucht, schnattert, dass sie nach Luft japsen muss. Dazu noch ein wallendes, sehr auftragendes violettes Rüschenkleid, eine Turmfrisur, die fast bis zum Geländer von Julias Balkon reicht und diese herrliche Mimik. Allein wegen dieser Lady lohnt sich der zweite Teil nach der Pause. Wie eine Furie jagt sie dann durch die Gassen Veronas. Inzwischen hat sie eine violette Federperücke auf dem Hirn.
An diesen Stellen holt Wolfgang Bordel alles aus der tieftraurigen Tragödie heraus. Das ist der wortwitzige Shakespeare, den man sich wünscht. Die Neustrelitzer Inszenierung ist gerade an den komödiantischen Stellen am schönsten. Auch weil die Liebe irgendwie nicht mitreißt. Das liegt nicht an Lisa Klabunde, die eine reizende Julia abgibt, und auch nicht an Fabian Quast, der als Romeo erbittert kämpft. Es gibt einfach zu wenig intime Momente, in denen sie sich verliebt in die Augen schauen, sich eine emotionale Glut entwickelt. Diese Liebe entsteht erst gar nicht. Bei der klassischsten aller Schnulzen besteht oft Kitschgefahr. Nicht in dieser Version. Sie bleibt gefühlskalt, distanziert.


Nordkurier / Strelitzer Zeitung
Fr 14.02.2014
Schauspielschule rettete vor Versicherungskarriere von Anke Goetsch

Dass er am Landestheater den Romeo spielen darf, ist für den jungen Mimen Fabian Quast eine große
Ehre. Auch Hamlet und Professor Schöller stehen noch auf seiner Wunschliste.
Doch, das Fechten beherrscht er sicher und gut, obwohl man es dem Romeo zunächst nicht wirklich zutraut. Der Held wirkt in der Neuinszenierung von „Romeo und Julia“ eher wie ein feinsinniger junger Mann, der zwar Freude am Leben, an der Welt empfindet, aber gern zurückgezogen seinen Gedanken nachhängt, ohne sich mit anderen auseinandersetzen zu wollen. Für kämpferische Streitereien zwischen den angesehenen Häusern der Montagues und der Capulets in Verona ist eher seine große Schwester Mercutia (Amanda Fiedermann) zuständig. Das ändert sich erst, als Romeo die ganz große Liebe begegnet. Für den jungen Mimen Fabian Quast ist es nach der Rolle als Sterneck im „Raub der Sabinerinnen“ und dem Lebkuchenmann im gleichnamigen Kindermusical die erste große Hauptrolle auf den Bühnen in Neubrandenburg und Neustrelitz, die ihm seit Beginn der laufenden Spielzeit künstlerische Heimat sind. „Es ist schon eine große Ehre, wenn man gleich nach dem Studium eine solch große Titelrolle spielen darf“, erzählt Fabian Quast, auch wenn er einschränkt, dass an einem kleinen Haus der Konkurrenzkampf für die Besetzung nicht wirklich groß sei.

Bahnfahrten eignen sich gut zum Textlernen

Seinen Part sieht er als „wahnsinnige Herausforderung“, sich in die Gedankenwelt hineinzuversetzen, die anspruchsvollen Texte zu lernen. Letzteres macht er übrigens besonders gern auf Bahnfahrten, wo er gut in die Rolle hineintauchen kann. Das Shakespeare’sche Drama sei einfach zeitlos, wenn es um die große Frage des Sich-Verliebens geht, um die Liebe, die in jeder Zeit immer wieder tragische Momente biete.
Ihm gefällt auch die Lesart des Regisseurs Wolfgang Bordel, die nicht unbedingt klassisch zu nennen ist und die auch dem Romeo ein etwas anderes Gesicht gibt. Fabian Quast schätzt an der Zusammenarbeit mit Bordel, dass er als Darsteller ein großes Mitspracherecht hat und sich immer wieder mit eigenen Ideen in die Gestaltung der Tragödie einbringen kann.
Spaß macht ihm auch das Zusammenspiel mit seiner Julia, Lisa Klabunde. Beide waren schon zwei Jahre bei den Vineta-Festspielen in Zinnowitz ein Paar, wissen also gut, wie sie miteinander auch „liebestechnisch“ umgehen können. Fast wäre aus dem jungen Leipziger, der schon in der Schulzeit sein Faible für das Theater entdeckte, ein Versicherungsvertreter geworden, doch dann kam gerade noch rechtzeitig die Zusage von der Theaterakademie Vorpommern in Zinnowitz, wo er im vergangenen Jahr erfolgreich seine Ausbildung abschloss. Irgendwann würde er gern mal in einer guten Inszenierung den Hamlet spielen; eine, wie er denkt, der interessantesten und anspruchsvollsten Figuren. Aber auch den Traum von Professor Schöller in der gleichnamigen Pension würde er sich gern erfüllen.
In dieser Spielzeit ist der 24-Jährige noch in dem nicht nur für Kinder gedachten Kinderstück „An der Arche um acht“ zu erleben. Den Vertrag für die kommende Spielzeit hat er bereits unterschrieben, denn er hat hier, wie er sagt, nette Kollegen getroffen, fühlt sich akzeptiert und angenommen, auch wenn die unruhigen Theaterzeiten unterschwellig durchaus zu spüren seien. Zunächst ist morgen um 19.30 Uhr im Landestheater Premiere für
„Romeo und Julia“.

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red-neustrelitz@nordkurier.de


Nordkurier / Kultur
Mi 05.02.2014
Vorsicht Männer – diese Frau ist gefährlich von Frank Wilhelm

Vor der Premiere von Romeo und Julia

In der Neuinszenierung von „Romeo und Julia“ hat Regisseur Wolfgang Bordel die zentrale Männerfigur einer Frau gegeben. Amanda Fiedermann spielt die Mercutia. Theaterbesucher dürfen gespannt sein, ob das Experiment klappt.
Wer dieser Frau begegnet, sollte auf der Hut sein. Männer laufen schnell Gefahr, sich von den grün-blauen Augen Amanda Fiedermanns verzaubern zu lassen. Betörenden Einfluss kann aber auch ihre lockere Art, ihr ungezwungenes Lächeln und Lachen entfachen. Aber das ist noch längst nicht alles. In dieser 23-jährigen Neubrandenburger Schauspielerin steckt eine Kämpferin, der man(n) sich nachts auf der Straße lieber nur in guten Absichten nähern sollte. Wer’s nicht glaubt, dem sei die Neuinszenierung von „Romeo und Julia“ am Theater Neubrandenburg-Neustrelitz empfohlen. Als Mercutia, Romeos Schwester, heizt sie ihrem Duellpartner Thybalt ordentlich ein.
Mehrere Minuten lang liefern sich beide einen Degen-Kampf auf Augenhöhe. Der Ausgang sei an dieser Stelle natürlich noch nicht verraten. Auch mit dem Schwert weiß sie umzugehen, genauso wie mit dem Kampfstock. Und: Sie ist eingeweiht in die Geheimnisse des Judos. Gelernt ist halt gelernt – als Studentin an der Zinnowitzer Theaterakademie gehörte es quasi zum Ausbildungsprogramm, auch bei den Vineta-Festspielen mitzuspielen. Kämpfen, Raufen und Fechten sind hier wesentliche Elemente des Spektakels. Sogar den Tod hat sie schon einmal gespielt – in Woody Allens Stück „Mit dem Tod spielt man nicht“ 2011 in Anklam.
Amanda Fiedermann dürfte über diese Passagen schmunzeln. Denn natürlich ist die junge Frau vor allem erst einmal eine junge Schauspielerin, die in jede Rolle schlüpfen kann und will. Jetzt also die Mercutia. Theater-Experten, die ihren Shakespeare kennen, werden spätestens jetzt stutzen. Hieß die Figur des englischen Dramatikers nicht Mercutio? Und hatte Romeo wirklich eine große Schwester namens Mercutia? Wer seinen Shakespeare kennt, wird die erste Frage mit Ja und die zweite mit Nein beantworten. Allerdings inszeniert Wolfgang Bordel das klassische Liebesdrama. Bei dem Anklamer Intendanten muss sich der Zuschauer immer auf Umarbeitungen des Originalstoffes und damit auf die eine oder andere Überraschung gefasst machen.
Im Ursprungstext gilt Mercutio als die zentrale Figur des Stücks. Er ist der beste Freund Romeos und gibt wichtige Informationen über die verfeindeten Familien Montague und Capulet. Romeo charakterisiert seinen Freund als redselig: „Jemand, der sich gern reden hört und der in einer Minute mehr spricht, als er in einem Monat verantworten kann.“ Lebhaft und launisch – so die Bedeutungen des englischen Wortes „mercurial“. Amanda Fiedermann schmunzelt. Das passt zu ihrer Rolle: „Ich rede viel und auch sehr blumig. Ich bin schlagfertig.“ Wenn Mercutia jemand „blöd komme, dann hat sie immer eine Antwort parat.“
Damit hat Bordel eine neue Konstellation in „Romeo und Julia“ geschaffen, die durchaus spannend werden könnte, wie auch Fabian Quast meint, der den Romeo in der Inszenierung des Theaters Neubrandenburg/Neustrelitz spielt. „Mercutia ist der Sohn, den mein Vater nie hatte“, so seine Interpretation der Rolle seiner im doppelten Sinne schlagfertigen großen Schwester im Stück. Natürlich hätte Amanda Fiedermann auch gerne die Julia gespielt – eine Traumrolle für jede Schauspielerin. Man hätte ihr die Sinnlichkeit, die in dieser Rolle steckt, auch garantiert zugetraut. Doch die junge Frau misst 1,74 Meter und wäre damit einige Zentimeter größer gewesen als Romeo. Das passt dann doch nicht.

Bislang hat Amanda Fiedermann insbesondere auf den Brettern von Anklam und Zinnowitz, Neubrandenburg und Neustrelitz gestanden. Da bleibt genügend Raum für Zukunftsträume, die sie aber eher bescheiden abwehrt. „Ich habe keine ausgesprochene Traumrolle. Ich möchte mit möglichst vielen interessanten Regisseuren zusammenarbeiten“, sagt sie. Man muss schon direkter fragen, dann zeigt sich auch wieder ihre natürliche Schlagkraft.
„Eine Rolle im Film?“ – „Ja, warum nicht.“ – „Das nächste Bond-Girl an der Seite von Daniel Craig?“ – Amanda Fiedermann braucht nur Zehntelsekunden für die Antwort: „Da würde ich nicht Nein sagen!“ Ein Double für ihre Kampfszenen könnte sich der Regisseur dann auf jeden Fall schon weitestgehend sparen.

Regie Dr. Wolfgang Bordel  |  Ausstattung Jörg Masser  |  Choreographie Kirsten Hocke| Tibor Oltyán  |  Dramaturgie Katrin Kramer  |  MIT: Amanda Fiedermann | Michael Goralczyk| Karin Hartmann| Sven Jenkel| Michael Kleinert| Thomas Pötzsch| Martin Puhl| Tibor Oltyán | Fabian Quast| Lisa Voß | Giulia Weiß | Statisten: Maria Magdalena Bönsch, Peggy Dodita, Anna Konrad, Emily Meier; Christoph Deuter, Boris Dodita, Christoph Kurzweil