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FOLKLORE! | Stückbeschreibung | Presse
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Neues Deutschland, Kultur
Fr 10.05.2013
Mit der Tradition in die Zukunft von Volkmar Draeger

Die Deutsche Tanzkompanie Neustrelitz setzt mit »Folklore!« ein Achtungszeichen

Die Folklore hat in Deutschland keinen leichten Stand. Während etwa beim Festival TANZOLYMP alljährlich die Volkstanzensembles aus Russland umjubelt werden, wird man auf einen entsprechenden Beitrag aus unseren Gefilden vergeblich warten. Liegt es am eher bieder behäbigen Zuschnitt deutschen Volkstanzes, an seinem Missbrauch durch die Nazis, an seinem prononcierten Einsatz in sozialistischen Zeiten - man kann über die Gründe nur mutmaßen.
Trachtengruppen gebe es in jedem rheinischen Dorf: Mit diesem Argument löste der Berliner Senat kurz nach der Vereinigung das Staatliche Tanzensemble auf, die beste der drei professionellen Folkloretruppen der DDR. Umso höher ist der Einsatz all jener wertzuschätzen, die wenigstens dem Staatlichen Dorfensemble in Neustrelitz eine Zukunft eröffneten und es zur Deutschen Tanzkompanie umformten. Zwei Jahrzehnte besteht die Gruppe mittlerweile, kollaboriert nun mit der Theater-GmbH aus Neubrandenburg und Neustrelitz, die ihr eigenes Ballett längst aufgelöst hat, schrumpfte sich allerdings mit derzeit sechs Paaren auch auf weniger als die Hälfte ungesund. Und steht vor dem künstlerischen Balanceakt, Folklore zu pflegen, ohne den Bezug zur Gegenwartskunst zu verlieren.
Seit vor zwei Jahren Torsten Händler, Ballettchef in Zwickau-Plauen, auch die künstlerische Leitung der Deutschen Tanzkompanie übernahm, hat er ihr ein eigenes Profil gegeben: Er arbeitet mit dem Schritt- und Formengut des Volkstanzes, platziert ihn jedoch in einem Umfeld von heute und im Dienst zeitgenössischer Themen. Zu welch eindrücklichen Ergebnissen das führt, bewies im Neustrelitzer Theater die jüngste Premiere, mit der das Team nun auf seine traditionelle Sommertour durch die Kaiserbäder gehen wird.
»Folklore!« reiht Miniaturen um menschliche Befindlichkeiten und nimmt die Tradition als Ausgangspunkt. Hinter den prächtigen Folklorekostümen älterer Produktionen, wie sie auf Kleiderpuppen über die Bühne fahren, lugen bald junge Tänzer hervor und verlassen so den Kokon der Vergangenheit. Jene aufwendig applizierten Dirndl als Teil der Ensemblegeschichte sind gleichsam die Kulisse, in die die Paare nach ihrem Tanz wieder entschwinden.
Was Händlers Stärke ist, den Reichtum der menschlichen Seele in tänzerische Form zu gießen, bescherte dem Abend Höhepunkte. So berührte im Triptychon »Spiel/Erfahrung/Vertrautheit« der emotionale Bogen vom Aufkeimen der Liebe zwischen einem Schüchternen und seiner beherzt schubsenden Auserwählten über neue Wahlverwandtschaften unter zwei Paaren bis zu den widerstreitenden Gefühlen im Leben einer gestandenen Bindung. All dies mit Folkloreeinsprengseln im zeitgemäßen Bewegungskanon, in der erfindungsreichen dritten Miniatur zur melancholischen Musik von »Greensleaves«. Was man sich zu einem Volkslied wie »Fuchs, du hast die Gans gestohlen« an jazziger Rivalität zweier Burschen um ein Mädchen einfallen lassen kann, stellte ein weiteres Mal die tänzerischen wie auch darstellerischen Qualitäten von Emanuel Schonkalla und Philipp Repmann unter Beweis.
Dass nach wie vor die Folklore ihren Platz im Repertoire der Tanzkompanie behält, dafür sorgen fünf Beiträge von Kirsten Hocke, dem langjährigen Ensemblemitglied. Wirkte »Schüddel de Büx« mit seinen originalen Formen wie ein Fremdkörper in dem jeden Folklore-Frohsinn abholden Händlerschen Bewegungskosmos, so gelang Hocke mit »Halling« nach einem norwegischen Volkstanz ein echter Wurf: Repman hat dazu mit bravouröser Akrobatik den Hut zu erhaschen, den ihm seine Partnerin Lenka Liebling immer raffinierter entgegenhält und ihn so zu stets komplizierteren Sprungtricks provoziert, bis zu bodenständigen Anleihen beim HipHop. In der besten Tradition der großen Folklorebilder aus DDR-Zeiten findet sich ihre »Erntezeit«: Liebe nach getaner Feldarbeit mit der Sense, in wirbelnden Formen und originell heutiger Umsetzung.
Dass »Folklore!« bei allen stilistischen Unterschieden so sehr geschlossen wirkt, verdankt sich ebenso Sieghart Schuberts durchlaufend komponierten Arrangements in ihrem modernen Klangbild wie dem hohen Standard der Deutschen Tanzkompanie. Wenn Torsten Händler mit dieser Spielzeit seine Funktion als künstlerischer Leiter niederlegt, wird es für das Ensemble essenziell, wieder eine Führungspersönlichkeit von ähnlichem Format zu gewinnen, will sie nicht rasch hinter das Erreichte zurückfallen.
Nächste Vorstellung: 31.5., Schauspielhaus Neubrandenburg


Nordkurier, Kultur
Mo 06.05.2013
Ein Kaleidoskop aus Bewegungen und Emotionen von Dajana Richter

Das Wort Folklore mag zunächst eingestaubt klingen. Doch die moderne Interpretation der Deutschen Tanzkompanie beweist, wie viel Glanz und Emotionen auch heute noch in alten Traditionen stecken.
Es sind zunächst nicht die Tänzer, die im Mittelpunkt der Inszenierung stehen, sondern zwölf in farbenfrohe Trachten gehüllte Kleiderpuppen. Behutsam werden sie von den dahinter verborgenen Tänzern ins Rampenlicht geschoben. Sie nehmen ihre Position ein, ziehen sich wieder zurück, formieren sich neu. Plötzlich scheinen sie lebendig zu werden. Die Figuren erhalten Arme, Köpfe, einige gar Beine, die unter den Röcken hervorgestreckt werden. Dann lösen sich die Tänzer von ihnen, werden von ihren Schatten zu ihren Tanzpartnern.
„Folklore! Im Kaleidoskop von Tradition und Moderne“ heißt die neueste Inszenierung der Deutschen Tanzkompanie, die am Samstagabend im Neustrelitzer Landestheater ihre Premiere feierte. Die Choreografen Torsten Händler und Kirsten Hocke setzen auf einen Brückenschlag, wollen Traditionen in einem neuen und überraschenden Gewand präsentieren. Das griechische Wort Kaleidoskop bedeutet soviel wie „schöne Formen sehen“. Und genau das ist es, was den Zuschauern über 80 Minuten präsentiert wird: wunderschöne Trachten, Bewegungen voller Eleganz und gleichzeitig mit großer Leidenschaft. Die Kleiderpuppen dienen dabei als Stilmittel. Sie beginnen nicht nur den tänzerischen Reigen, sondern bilden auch die Übergänge und schließlich den Abschluss. Immer wieder werden sie dabei von den Tänzern neu arrangiert, ähnlich einem Kaleidoskop, das durch Drehen neue Formenvariationen offenbart und damit den Betrachter in Staunen versetzt.
Das gelingt in Neustrelitz zunächst durch das mittelalterliche Spiel des mit Schellen behangenen Hofnarren, der vier Damen in wallenden Kleidern neckt und sich von ihrem Tanz betören lässt. Anschließend wird die „Erntezeit“ mit sechs Burschen kraftvoll in Szene gesetzt. Sie schwingen die Sensen oder schlagen mit hölzernen „Schleifsteinen“ einen Rhythmus. Wie in fast allen der kleinen Episoden geht es auch hier um Liebe und Leidenschaft. Eine Frau bezirzt einen der Bauern, es kommt zur zärtlichen Annäherung.
Zu den modernen Elementen des Stückes gehören auch die von Sieghart Schubert ausgewählten Musikcollagen. Neben klassischen Werken ertönt beispielsweise auch eine Version von Gershwins „Summertime“ oder der „Oriental Bass“ des virtuosen Kontrabassisten Renaud Garcia-Fons, der sein Instrument immer zum Singen bringt – und damit das Neustrelitzer Ensemble zum Tanzen.

Choreographie Kirsten Hocke| Torsten Händler mit Deutsche Tanzkompanie Neustrelitz | Musikcollage: Sieghardt Schubert  |  Tanzensemble: José Bernardo Caba Mariaca  |  Federica Cananà  |  Nicola Clarissa Gehring  |  Lenka Liebling,  |  Evgeniya Mirnik  |  Gabrune Sablinskaite  |  Dmitri Poukhlovski  |  Philipp Repmann  |  Axel Rothe  |  Emanuel Schonkalla  |  Alexander Sokolov