REPERTOIRE   Rückschau
Der kaukasische Kreidekreis | Stückbeschreibung | Presse
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Nordkurier/Kultur
Mo 11.02.2013
Ergreifende Verführung zur Güte von Susanne Schulz

Gefeierte Premiere: Kaukasischer Kreidekreis
Mit Tiefgang und Fallhöhen, Humor und Paradepartien bringt der BE-geprägte Regisseur Jürgen Kern Brechts „Kaukasischen Kreidekreis“ in Neustrelitz zu einer bravo-reifen Premiere.

„Dass da gehören soll, was da ist, denen, die für es gut sind“ – diese Sentenz darf gern mal vorweggenommen werden, wenn Brechts „Kaukasischer Kreidekreis“ auf dem Spielplan steht. Nicht nur wegen des Kindes, dem es in der auf biblischen und altchinesischen Motiven beruhenden Parabel die wahre Mutter zu finden gilt; nicht nur wegen eines fruchtbaren Tals, um das im programmatischen Vorspiel die Bauern streiten. Denn in Jürgen Kern hat das Schauspiel am Landestheater Neustrelitz einen Regisseur, der unbedingt „für es gut“ ist. So viel Beifall wie lange nicht, durchsetzt mit Pfiffen und Bravo-Rufen erntete das Ensemble am Wochenende für die Premiere, die in ihrer Spannweite von Tiefgang und Humor des 115. Brecht-Geburtstags würdig war.
Einmal mehr erwies sich der am Berliner Ensemble geprägte Theatermann da als ein Regisseur, der Autor und Werk beim Wort nimmt, nicht „besser“ oder „eigener“ machen zu müssen meint. Brechts epischem Theater mit einem als kommentierender Sänger auf den Punkt agierenden Mathias Mertens begegnet da auch die bühnenbildnerische Formensprache von Frank Schult mit klaren, kühlen, kantigen Konturen, in die Wärme gelangt durch Menschlichkeit. „Schrecklich ist die Verführung zur Güte“, stellt da der Sänger lakonisch fest – auf dass die Küchenmagd Grusche, wie sie das ihr zugefallene Gouverneurskind durch immer neue Widrigkeiten rettet, den Zuschauern mehr und mehr ans Herz wachsen kann. So ergreifend spielt Lisa Voß diesen Part des schlichten, schwachen Mädchens, das angesichts unaufhörlicher Gefahren nur jeweils das Nächstbeste tun kann und dem dabei die Kraft zuwächst, zu kämpfen um das, wofür sie Verantwortung übernommen hat.
Mag die vorsichtig-spröde Liebesgeschichte zwischen Grusche und dem Soldaten Simon (Gerrit Hamann) im Entstehungsjahr 1944 auch eine Konzession Brechts an den Geschmack seiner amerikanischen Exil-Gastgeber gewesen sein, schärft sie zugleich den Eindruck dessen, was Krieg den Menschen antut und wie die Umstände rasant wechselnder Machtverhältnisse ihnen ins Leben pfuschen.

Da hat das Stück beträchtliche Fallhöhen zu bieten. Mal zwischen einzelnen Figuren wie jenen, die Mario Lohmann verkörpert – hier der blasierte, der Gouverneurswitwe gar sehr nahestehende Adjutant, dort Grusches ängstlicher Bruder unter der Fuchtel seiner streng religiösen Frau – oder Isolde Wabra als besagte beide Damen. Oder auch mal innerhalb einer Rolle wie beim wendigen Dorfschreiber Azdak, dem mehr als einmal selbst der Strick droht und der sich doch ins Richteramt zu lavieren weiß; der sich von den Reichen korrumpieren lässt, um für die Armen zu urteilen in einer „goldnen Zeit beinah der Gerechtigkeit“. Ein Parade-Part jedenfalls für Können und Charisma eines Dietmar Lahaine! Manches Kabinettstückchen gibt‘s innerhalb der rund 40 Rollen für 13 Mitwirkende auch bei Karin Hartmann, vor allem als von vorteilhaften Wundern heimgesuchtes Mütterchen Grusinien.
Auf die Sprachkunst Brechts ist das Ensemble ebenso exzellent eingeschworen wie auf die gesanglichen Herausforderungen der Musik von Paul Dessau, einstudiert und am Flügel begleitet durch Klaudia-Friederike Holdefleiß. Mit deren höfischer Frisur und dem samtenen Thronsessel für Azdak gönnt sich die Inszenierung zwei bewusste Brüche mit dem archaischen Ambiente. Und mit dem Verzicht auf alle Sozialromantik gönnt sie, bereitet sie dem Publikum einen anregenden, anrührenden, unbedingt ansehenswerten Theaterabend.
Weitere Vorstellungen am 15. und 21. Februar, 9. und 24. März sowie 11. April im Landestheater Neustrelitz, am 14. März im Ernst-Barlach-Theater Güstrow und am 29. März im Schauspielhaus Neubrandenburg. Kartentelefon 03981 206400



Nordkurier / Kultur
Mi 06.02.2013
Kein Bedarf an „Herrichtung“ von Susanne Schulz

Brechts Stück in Neustrelitz: Weder „verrückte Lesarten“ noch Körperflüssigkeiten braucht Bertolt Brechts „Kaukasischer Kreidekreis“, den Jürgen Kern in Neustrelitz auf die Bühne bringt.

Die eine, entmachtet, lässt ihr Kind im Stich, um die schönen Kleider zu retten. Die andere, machtlos, nimmt sich des Kindes an, um den Preis des eigenen Lebensglücks. Irgendwann taucht die eine wieder auf und fordert ihr Kind zurück, das die andere aber nicht mehr hergeben will. Sollen sie doch beide daran zerren, auf dass die „wahre“ Mutter gewinnt, rät ein schlitzohriger Richter in Brechts Stück „Der kaukasische Kreidekreis“.
Im Exil in Santa Monica entstanden, vor 65 Jahren in den USA uraufgeführt und erst 1954 erstmals in Deutschland gezeigt, gehört es bis heute zu den häufiger gespielten Stücken des großen Dramatikers. „Und das Schöne ist, dass man es in keiner Weise zeitgemäß herrichten muss“, findet Jürgen Kern, der das Schauspiel jetzt am Landestheater Neustrelitz in Szene setzt. „Man braucht keine verrückten Lesarten oder Körperflüssigkeiten auf der Bühne. Es ist eine wunderbare Geschichte mit allen Facetten menschlicher und politischer Probleme.“
Der Gefahr, bei der erneuten Inszenierung eines vertrauten Stoffes auf „alte“ Ideen zurückzugreifen, entzieht sich Kern zum Beispiel, indem er fürs Bühnenbild den Maler Frank Schult verpflichtete. „Von seiner Gedankenwelt, von seinen fast konstruktivistischen Ideen habe ich mich anregen lassen“, erzählt der Regisseur, der mit zehn Mimen den Figurenkosmos vo rund 30 Rollen erarbeitet. Im Zentrum: Lisa Voß, seit Spielzeitbeginn neu im Ensemble, als Küchenmädchen Grusche, das sich um das verlassene Kind kümmert; Isolde Wabra als ihre Kontrahentin, die Gouverneursfrau Natella und Dietmar Lahaine als schlauer Schreiber Azdak, der sich im Mutterschaftsstreit zum salomonischen Richter aufschwingt.


Nordkurier
Fr 01.02.2013
Ruf der Familie lockte wieder nach Norden von Susanne Schulz

Neu im hiesigen Schauspiel-Ensemble, bereitet sich Mario Lohmann jetzt auf die Premiere von „Der kaukasische Kreidekreis“ vor.

Als Bruder der Hauptfigur Grusche (Lisa Voß; vorn Georg Wenz als Michel) und als Adjutant Shalva wird Mario Lohmann im Neustrelitzer „Kreidekreis“ zu erleben sein.
Der beste Grund, wieder nordwärts zu ziehen, war die Familie: „Es ist ein Glück, dort zu arbeiten, wo wir zusammen leben können“, erklärt Mario Lohmann, was ihn aus Schwaben nach Mecklenburg verschlug. In Neubrandenburg sind seine Lebensgefährtin und die kleine Tochter heimisch geworden; dank seines Engagements an der Theater und Orchester GmbH ist nun der Schauspieler ihnen wieder nah.
So lässt sich’s leben, nicht ganz so fern von Hamburg, seiner erklärten Lieblingsstadt, wo er von 1989 bis 1992 an der Stage School of Music, Dance and Drama seine Schauspielausbildung absolvierte. Es folgten Engagements an der Vorpommerschen Landesbühne Anklam, später dann an der Badischen Landesbühne Bruchsal, am Schauspielhaus Bremen, am Landestheater Schwaben in Memmingen; Gastspiele gab er unter anderem bei der Müritz-Saga auf der Warener Freilichtbühne.
Auch eine Reihe von TV-Auftritten stehen zu Buche in der künstlerischen Vita des 41-Jährigen, oft in Serienrollen von „Hagedorns Tochter“ bis zur „Küstenwache“. Aber auf dem Bildschirm präsent zu bleiben, „dafür muss man ’ne Menge tun – und dann bleibt zu wenig Raum fürs Theater“, sagt der Schauspieler, der nächste Woche seine erste Premiere am Neustrelitzer Landestheater erlebt.
In einem Stück, das er auch in Memmingen spielte: „Der kaukasische Kreidekreis“ von Bertolt Brecht. In Neustrelitz wird es inszeniert vom brecht-kundigen Jürgen Kern, der lange am Berliner Ensemble wirkte. „Er arbeitet unglaublich genau, penibel im besten Sinne“, stellt der Schauspieler fest. Mit einem solchen Regisseur sei gut um die Rolle zu kämpfen: „Sieht man sie anders, sagt er: Überzeugen Sie mich.“

Lieber klassische Logik als „Floskelsprache“
Keinen Hehl macht der Schauspieler daraus, dass es die brechtsche Sprache in sich hat. Wie man die Herausforderung bewältigt? „Üben, üben, üben.“ Lohmann jedenfalls liebt klassische Bühnenstoffe, von Dichtern wie Schiller oder Shakespeare mit ihrer zwingenden Textlogik. Die lässt sich auch leichter lernen als moderne Dramen mit ihrer „Floskelsprache“.
Zu einer Rolle nicht hundertprozentig zu stehen, kommt für den Schauspieler nicht in Frage. „Das würde das Publikum merken, das ist nicht zumutbar“, erklärt er. „Selbst wenn ich mal nicht überzeugt sein sollte, muss ich’s überzeugend spielen.“ Dabei sieht sich der Mime eher als Teamplayer; weniger als einer, den es in die allererste Reihe drängt. Umso mehr weiß er jene Theater zu schätzen, an denen das Ensemble-Prinzip gepflegt wird. So wie er es in Neustrelitz/ Neubrandenburg erlebt: „Du bist da und gehörst dazu.“

Premieream 9. Februar; weitere Vorstellungenam 15. und 21. 2., 9. und 24. 3. sowie 11. 4. im Landestheater Neustrelitz, am 29. 3. im Schauspielhaus Neubrandenburg. Zur Matinee im Landestheater kam auch Peter Bause, der in der Neustrelitzer Inszenierung von 1964 den Dorfrichter Azdak spielte.

Regie: Jürgen Kern  |  Ausstattung Frank Schult  |  ML: Klaudia-Friederike Holdefleiß  |  Dramaturgie Katrin Kramer  |  MIT: Wolfgang Grossmann| Karin Hartmann| Michael Kleinert| Dietmar Lahaine| Mario Lohmann | Mathias Mertens | Thomas Pötzsch| Lisa Voß| Isolde Wabra | Lothar Missuweit | Jana Ulrich | Miho Akazawa/Vincent Preuß | Musikalische Leitung: Klaudia-Friederike Holdefleiß