REPERTOIRE   Rückschau
BARLACH/RAVEL - Zwei Tanzstücke | Stückbeschreibung | Presse
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Nordkurier / Kultur
Mo 21.05.2012
Klassiker mit neuen Beigaben von Uwe Roßner

Torsten Händler gelang mit den abendfüllenden Tanzstücken „Barlach“ und „Ravel“ ein poetischer wie anrührender Einstand als neuer Künstlerischer Leiter der Tanzkompanie.

NEUSTRELITZ. An Zuneigung mangelte es nicht. Im Gegenteil. Die Premiere am Freitag wurde als ein Ereignis erwartet. Entsprechend fiel der Kartenverkauf aus. Vor sehr gut besuchtem Haus bot die Deutsche Tanzkompanie die beiden brandneuen Kreationen dar. Nur durch den Fall des Vorhangs und das Einschalten der Deckenbeleuchtung brachen am Ende der Jubel, Beifall und die Bravorufe des Saals ab. Zu Recht.
Mit je einem Tanzstück zu Ernst Barlach und Maurice Ravel empfahl sich Torsten Händler als bereits durch Gastengagements bekanntes und in Leitungsfunktion der Theater und Orchester GmbH auch wieder neues Gesicht. Im Falle von „Barlach“ ließ er sich vom Werk des international geschätzten Bildhauers, Zeichners und Schriftstellers inspirieren. Keine vertanzte Biografie gab es zur Musikcollage von Sieghart Schubert, der eigene Töne mit denen von Maurice Ravel, Heiner Goebbels und Hans Reichel zusammenfügte.
In einem blauen Lichtkegel steht eine Gruppe dicht gedrängt im ansonsten dunklen Bühnenraum beieinander. Wie aus einem Block schälen sich immer mehr einzelne Tänzer heraus, kommen als Schwarm in Bewegung, der bei einem Auszug von Maurice Ravels Streichquartett José Bernardo Caba Mariaca in ein Solo entlässt.
Die beige Kleidung (Ausstattung: Manuela Geisler), ab der Gürtellinie abwärts eine Mischung aus Rock und Hose, lehnt sich an Ernst Barlachs Bronzen und Holzplastiken an. Immer wieder gibt es wohl gesetzte Déjà-vus, bei denen ein Werk Barlachs während einer Bewegung oder als eingefrorener Moment wieder in Erinnerung kommt. Als ein Clou stellte sich neben der auf Ausdruck angelegten Choreografie Frank Fierkes luftgestütztes Objekt, das zusammen mit wechselnden Beleuchtungen immer wieder neue Seh- und Tanzräume eröffnete, heraus. In einem Spiegelsaal mit quadratischer Grundfläche werben Paula Amazonas und Alexander Sokolov imFalle von „Ravel“ zur „Pavane pour une infante défunte“ in einem klassischen-romantischen Geschlechterverständnis geprägten Pas de deux umeinander. Die letzte Umarmung bleibt für ihn leer.
Nach ihrem überraschenden Abgang setzt Maurice Ravels Ballettmusik „Boléro“ ein. Das Anschwellen des unerbittlichen Orchesterapparats und das Auftreten der ganzen Kompanie stehen als choreografischer Ansatz außer Frage. Torsten Händler vermag dem und einer der am meisten gespielten Orchestermusiken etwas Neues beizugeben. Seine Tänzer lässt er den Boden mit breiten weißen Bändern immer weiter unterteilen und beschränkt so ihren Raum für einen Wechsel aus Grazie, Kampf und Werbung. Beim letzten Ausbruch vor dem musikalisch erzwungenen Ende fallen die gezogenen Grenzen. Die durch die Spiegelfläche vervielfachte Kompanie bricht die üppig aufgefächerte Instrumentation der Referenzeinspielung des Boston Symphony Orchestra unter der Leitung von Seji Ozawa zusammen. In diesem Augenblick bleibt allein Alexander Sokolov mit dem Rücken zum Publikum stehen. Ein letzter Blick auf sein Spiegelbild, ein letztes Strecken der Arme mit einer Verbeugung – dann geht das Licht aus.
Torsten Händler ist für eine bereichernde Würdigung des Künstlers Ernst Barlach und des Komponisten Maurice Ravel mit diesem Doppeldebüt zu danken. Gespannt darf man auf die kommenden Abende mit der Deutschen Tanzkompanie unter seiner Leitung sein. Eines zeigte der Auftakt deutlich: Die Chemie stimmt.


Nordkurier / Kultur
Mi 16.05.2012
Kunst aus der Einfachheit von Susanne Schulz

Tanzkompanie Neustrelitz

Zu Kontrasten und Gemeinsamkeiten bekennt sich Choreograf Torsten Händler mit „Barlach/Ravel“, seinem ersten Ballettabend als Künstlerischer Leiter der Deutschen Tanzkompanie Neustrelitz. Mit der Tanzkompanie Neustrelitz hat Torsten Händler als Gast schon früher gearbeitet – nun leitet er das Ensemble.

Die „Tanzende Alte“ von Ernst Barlach überblendet mit der Gestalt einer Tänzerin – mit diesem Plakatmotiv deutet Torsten Händler die Vielschichtigkeit seines ersten abendfüllenden Ballettabends als neuer Künstlerischer Leiter der Deutschen Tanzkompanie an. Seit einigen Monaten wirkt der Choreograf in dieser Funktion in Neustrelitz, wo er in den vergangenen zehn Jahren schon regelmäßig zu Gast war, mit Programmen vom „Ballhaus“ bis zu „Rotkäppchen“.

Seine Wertschätzung für den Charakter der Tanzkompanie, ihre folkloristischen Wurzeln zu zeitgenössischem Tanztheater zu vereinen, hat Händler nie verhehlt. Selbst ausgebildet an der Staatlichen Ballettschule Berlin und am Staatlichen Choreografischen Institut Kiew, während seiner Tänzerlaufbahn unter anderem an der Deutschen Oper Berlin und an großen europäischen Opern- und Balletthäusern verpflichtet, und seit 1993 ein gefragter Choreograf (zuletzt am Theater Plauen-Zwickau), möchte er diesem Profil nun eine eigene Handschrift hinzufügen. Und findet es spannend, in anderen als den gewohnten Stadttheater-Strukturen zu arbeiten.

Denn auch wenn die Deutsche Tanzkompanie eine gemeinsame Tochtergesellschaft mit der Theater und Orchester GmbH bildet, erfreut sie sich einer weitestgehend unabhängigen Arbeit. „Hier habe ich andere künstlerische Möglichkeiten als an einem Stadttheater“, sagt Händler, dem es überdies zugute kommt, mit dem Ensemble vertraut zu sein. „Aus der Tradition kann sehr Spannendes, Neues entstehen“, so sein Credo – das er mit neuen Facetten in Musik, Kostümen und Ausstattung beleben will. Dass er seinen „Einstand“ mit Barlach geben würde, stand wohl außer Frage: „Barlach gehört einfach hierher“, findet Händler, den die Skulpturen des Künstlers schon seit langem faszinieren: „In dieser Einfachheit und Geradlinigkeit ist wahnsinnig viel Bewegung“, findet er. Sein Anliegen indessen ist es nicht, Bildhauerei in Tanz zu übersetzen, sondern sich von den Arbeiten und der Persönlichkeit Barlachs inspirieren zu lassen.

Dazu bedient er sich der Musik des Franzosen Maurice Ravel: „Sicher, das sind zwei Pole, aber beide haben auch viel gemeinsam, nicht nur weil sie Zeitgenossen waren“, sagt der Choreograf, der gern Kontraste und Brüche in Szene setzt. Denn bei beiden Künstlern, dem Bildhauer wie dem Komponisten, findet er in Form gebracht, wie Menschen miteinander umgehen. Als Musikgrundlage dient Ravels berühmter, spannungsgeladener „Bolero“ dabei ebenso wie die melancholische „Pavane pour un infante défunte“: Händler will damit die Erwartung an Bekanntes ebenso bedienen, wie er ihr Neues hinzufügen möchte.

Schon eine Woche nach der Premiere des Abends „Barlach/Ravel“ feiert die Deutsche Tanzkompanie mit dem Programm „TanzLust“ ihr 20-jähriges Bestehen; und natürlich schaut der Künstlerische Leiter auch bereits in die fernere Zukunft: Folgen lassen möchte er in den nächsten Jahren ein Programm mit dem Titel „Folklore!“ und die Uraufführung eines märchengemixten Kinderstücks mit Musik von Gisbert Näther.

Choreographie Torsten Händler mit Deutsche Tanzkompanie Neustrelitz | Tanzensemble: José Bernardo Caba Mariaca  |  Federica Cananà  |  Nicola Clarissa Gehring  |  Lenka Liebling,  |  Evgeniya Mirnik  |  Gabrune Sablinskaite  |  Dmitri Poukhlovski  |  Philipp Repmann  |  Axel Rothe  |  Emanuel Schonkalla  |  Alexander Sokolov