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Das Brautopfer/Le Sacre du Printemps | Stückbeschreibung | Presse
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Nordkurier / Kultur
Mo 16.05.2011
Beifallssturm für eine düstere Zukunft von Michael Baumgartl

Neustrelitz. Der neue Ballettabend der Deutschen Tanzkompanie Neustrelitz, der am Freitagabend im Landestheater Neustrelitz Premiere hatte, vereint zwei Werke, deren Titel auf den ersten Blick als eine Doppelung erscheinen: "Das Brautopfer" nach Musik der Folk-Band Horch und "Le Sacre du Printemps" (Die Frühlingsweihe - also ein Jungfrauenopfer) mit der Musik von Igor Strawinsky. Das ist doch "uncool", möchte man sagen, wer etwa würde sich schon zwei Passionen hintereinander anhören? Doch sei hier ausdrücklich vor einem vorschnellen Schluss gewarnt: Der zweigeteilte Abend könnte kaum spannender sein in seinen Gegensätzen, und das in fast allen Parametern!

In der Tanzlegende "Das Brautopfer" führt die Künstlerische Leiterin der Tanzkompanie Eva Brehme-Solacolu in eine Zeit unmittelbarer Abhängigkeit des Menschen von seiner Umgebung zurück, in der der Mensch mit strengen Riten gegen die als Chaos gesehene Natur anging. Uraltes dörfliches Leben wird tänzerisch dargestellt, belebt von Figuren mit symbolischer Bedeutung für Fruchtbarkeit, Tod, Unsterblichkeit.

Die Musik der Gruppe Horch, deren alte Aufnahmen der Tonmeister Sieghart Schubert in seinem Studio zuvor restauriert und in einen hochwertigen Sound verwandelt hat, ist einfach strukturiert und metrisch ebenmäßig. Das impliziert Volkstanzelemente wie von selbst.

Auch schauspielerische und pantomimische Details sind eingebunden, die Darsteller tanzen, sprechen, singen. Die Bilder werden in kaleidoskopartig wechselnder Folge gezeigt, die Grundstimmung ist fröhlich, ausgelassen. Nur wenn die Nebelmaschine vor der schwarzen Bühnenwand arbeitet, ereignen sich mythische, schicksalhafte Momente. Die Dramaturgie bleibt geradlinig, für jeden Song eine Szene. Dennoch wird der Sinn des Opfers am Ende nicht klar, es bleibt ein Gefühl von Willkür.

Ungleich kühner greift der Greifswalder Choreograf Ralf Dörnen auf sein Sujet zu, das er aus der Vergangenheit herausreißt (Strawinsky untertitelt "Szenen aus dem heidnischen Russland") und in eine visionäre Zukunft projiziert. Die Bühne, offen bis zur Brandmauer, ist dabei umgeben von riesigen Müllbergen. In diesem Müll leben verdreckte, nackte Wesen, Dörnen nennt sie "die Hungrigen", deren Dasein sich in von Verrenkungen und Verzerrungen durchzogenen Bewegungen darstellt, in animalischer Direktheit der Beziehungen untereinander und brutalem Miteinander.

Das witzige Entree, bei dem erst ein Arm, dann ein Bein über dem Rand einer Badewanne ein Solo absolvieren, lässt noch nicht ahnen, mit welcher Wucht danach das Chaos den Verlust jeglichen Rituals in der Gemeinschaft ausfüllt. Da kann keine Jungfrau geopfert werden, denn es gibt eine solche nicht mehr, und der Begriff hat jeglichen Inhalt verloren.

Dennoch ist, wer das Werk kennt, am Ende überrascht von der Lösung des Choreografen, der trotz der Radikalität seiner Interpretation auch große Momente der Tradition von "Le Sacre" in seiner Arbeit aufhebt. War diese Vision auch bedrückend düster, so brach danach im Saal ein Sturm der Begeisterung los, der die restlose Schlüssigkeit der Inszenierung und packende Dramatik der Choreografie belohnte und die großartige Leistung der Tanzkompanie, die beiden "Wissenden" Rebekka Meile und Alexander Sokolov und vor allem "das Opfer" José Bernardo Caba Mariaca mit Jubel und Beifall überschüttete.


Nordkurier / Kultur
Mi 11.05.2011
Zwischen Ästhetik und Schmerz von Susanne Schulz

Tanz. Mit der Deutschen Tanzkompanie setzt der Greifswalder Ballettdirektor Ralf Dörnen seine Choreographie "Le sacre du printemps" neu in Szene.

Neustrelitz. Es braucht Vertrauen, um die Angst spürbar zu machen - die Angst vor der unheimlichen Macht, die in Strawinskys Komposition "Le sacre du printemps" ein Opfer fordert, und schließlich die Angst vor einander, als jeder bereit ist, seinen Nächsten zu opfern, um selbst zu überleben.

"Ihr müsst einander spüren", fordert Ralf Dörnen die Tänzer der Deutschen Tanzkompanie auf, mit denen er derzeit das Jahrhundertwerk - seit der Uraufführung 1913 in Paris, die ob der neuartig expressiven Klänge zum Skandal geriet, zählt es zu den bedeutsamsten Stücken des 20. Jahrhunderts - einstudiert.
Schon am Theater Vorpommern in Greifswald, wo er seit 1997 als Ballettdirektor wirkt, hatte Dörnen vor drei Jahren "Le sacre du printemps" auf die Bühne gebracht. Dort gekoppelt mit Bachs "Goldberg-Variationen", wird das Stück in Neustrelitz als Kontrapunkt zur Choreographie "Das Brautopfer" platziert, mit der Choreographin Eva Brehme-Solacolu sich aus der Künstlerischen Leitung der Deutschen Tanzkompanie verabschiedet.
"Es ist immer spannend, mit einer anderen Compagnie zu arbeiten. Ich lerne dabei auch etwas über mich selbst", sagt Dörnen. Ihm ist es wichtig, sich immer mal aus der "Routine" des eigenen Ensembles zu lösen, nur nicht bequem zu werden. Zumal er seine Arbeit erneut überprüft: "Hier muss ich noch einmal begründen, was ich wie und warum will. Und wenn es nicht aufgeht, wird es geändert."
Eine "tolle Energie" findet Dörnen in der Neustrelitzer Truppe vor. Auf Individualität und Persönlichkeit der Tänzer zu setzen, hat sein künstlerisches Credo mit dem Profil der Tanzkompanie gemeinsam. So wird die Choreographie gegenüber der Greifswalder Inszenierung verändert, unterscheidet sich unter Umständen schon, wenn zwei Tänzer für denselben Part besetzt sind.
"Natürlich muss ich ein Ensemble in eine Form drängen", erklärt er, "aber nicht als lauter Kopien von mir. Erst die Charaktere machen das Stück wahrer, authentischer. Wenn die Tänzer nicht glauben an das, was sie tun, funktioniert es nicht."
Denn was da auf der Bühne geschieht, geht an die Substanz: Dörnen interpretiert das Werk um den heidnischen Ritus, dem Frühlingsgott eine Jungfrau zu opfern, als Sinnbild einer zerstörten Welt, eines Müllplatzes, auf dem die Menschen ums nackte Überleben kämpfen. Die Tragödie in Japan in diesem Frühjahr bestätigt ihm nur, wie nah die Menschheit einer finalen Katastrophe ist - und dass sie doch nicht daraus lernt.
"Was schockiert uns denn heute noch?", kommentiert der Choreograph die teils drastischen Bilder, die getrost eine Art "Kopfkino" auslösen dürfen. Er selbst hatte unter anderem den amerikanischen Film "Soylent Green" in Sinn, der in Deutschland unter dem Titel "Jahr 2022 - Die überleben wollen" bekannt ist: Jegliche Ressourcen sind erschöpft, Lebensmittel sind Luxus, die Ernährung sichern soll das ebenfalls knappe Wunderkonzentrat Soylent Green. Der Versuch, dessen Herkunft zu ergründen, kostet mehrere Menschen das Leben; am Ende fährt der Aufschrei "Soylent Green ist Menschenfleisch!" ins Mark des Zuschauers.
"Auch Tanz darf schmerzen, darf ans Herz greifen", findet Ralf Dörnen. Das Zusammentreffen von dramatischer Botschaft und der Ästhetik der Körpersprache macht die Faszination seiner Choreographie aus. Er selbst habe "vier Wochen nicht geschlafen", um Bilder zu finden, die weder plakativ noch kitschig wirken. "Die Musik ist der Hammer - 100 Jahre alt und so modern, einfach genial!", schwärmt der Künstler. Lange übrigens hatte er sich die Herausforderung dieses Werks aufgespart.
"Den besten ,Sacre? hat schon Pina Bausch gemacht", sagt er mit höchstem Respekt vor der großen Choreographin, "wegen solcher Kunst bin ich Tänzer geworden."

Am Institut für Bühnentanz in Köln und an der Schule von John Neumeiers Hamburg Ballett erhielt der gebürtige Leverkusener seine Ausbildung. Dem Engagement in Neumeiers Truppe - alsbald als Solist - sowie der Arbeit unter anderem mit Mats Ek, Maurice Béjart, Hans van Manen verdankt er seine künstlerische Prägung; der er ab 1993 als Choreograph folgte, mit Wirkungsstätten in Hamburg, Dresden und München, Griechenland, Portugal und Senegal.
Seit 1997 wirkt Dörnen als Ballettdirektor und Chefchoreograph in Greifswald. Und hat auch nach all diesen Jahren nicht das Gefühl, dort "am Rande des Geschehens" zu sein: "Hier konnten wir etwas aufbauen, was es vorher nicht gab", sagt er über die gemeinsame Arbeit mit Ballettmeisterin Sabrina Sadowska, "das gibt man nicht so schnell auf, nur um irgendwo anders zu sein, wo es nicht besser ist." In Greifswald kann er ambitionierte Projekte entwickeln, schuf packende Ballettabende wie "Engel", "Fri(e)da - Viva la Vida" oder zuletzt "4+1 - Die Elemente" und wurde für "Endstation Sehnsucht" gar für den Theaterpreis "Faust" nominiert.
Mit jeder Inszenierung auf der Suche nach einer neuen "Sprache", einem neuen Stil, hat er sich von den Träumen jedes Choreographen schon einige erfüllt, mit Ravels "Bolero", Brahms "Requiem" und eben Strawinskys "Sacre". Und er ist gewiss: Es liegen noch einige vor ihm. Premiere "Das Brautopfer/Le sacre du printemps" mit der Deutschen Tanzkompanie am Freitag um 19.30 Uhr im Landestheater Neustrelitz; weitere Vorstellungen am Sonnabend ebenfalls im Landestheater, am 28. Mai im Ernst-Barlach-Theater Güstrow und am 3. Juni im Schauspielhaus Neubrandenburg.

Choreografie: Eva Brehme-Solacolu/Ralf Dörnen  |  Musik: Klaus Adolphi, Andreas Fabian/Igor Strawinsky  |  Deutsche Tanzkompanie Neustrelitz